Wie bringt man mehr Begeisterung ins österreichische Tennis?

Heute: Raimund Stefanits und Andreas Du-Rieux

Das √∂sterreichische Tennis hat ein ereignisreiches Wochenende mit H√∂hen und Tiefen hinter sich. Sybille Bammer durfte am Sonntagvormittag √ľber ihren ersten Turniersieg auf der WTA-Tour jubeln. Wenige Stunden sp√§ter setzte der 32 Jahre alte Werner Eschauer mit dem Challenger-Sieg in Breslau noch einen drauf. Auf der anderen Seite wird die gute Stimmung durch die bittere Daviscup-Niederlage gegen Argentinien doch deutlich getr√ľbt. Daran entt√§uschend ist nicht nur der neuerliche Gang in die Relegation, sondern auch die sp√§rlich besetzten Trib√ľnen in der Linzer Intersport-Arena - trotz der j√ľngsten internationalen Erfolge. tennisweb.at m√∂chte wissen, wie man wieder mehr Begeisterung ins √∂sterreichische Tennis bringen kann.

Raimund Stefanits, Hofmanova-Manager und Turnierdirektor in St. Anton am Arlberg
Meiner Meinung nach muss bei den √∂sterreichischen Turnieren das passieren, was wir in St. Anton am Arlberg schon seit Jahren praktizieren: n√§mlich die Leute in der besten Zeit m√∂glichst gut zu unterhalten. Bei den Tennismatches sitzen und warten und anschlie√üend nach Hause zu fahren interessiert niemanden mehr. Ich glaube, dass viele Fans beim Daviscup gerne 45 ¬Ä gezahlt h√§tten. Aber daf√ľr wollten sie etwas geboten haben! Essen und Trinken sind da Voraussetzung. Ohne Unterhaltung wird es nicht mehr Begeisterung geben und wir werden alle verlieren.

Andreas Du-Rieux, ORF-Tennis-Moderator
Der Tennissport ist noch zu konservativ, um ein Turnier zu einem gro√üen Event zu machen. F√ľr mehr Stimmung m√ľsste man die Turniere lockerer gestalten. Bei den US Open hat man beispielsweise das Gef√ľhl, auf einem Jahrmarkt zu sein. Und bei einem NBA-Spiel machen die Leute ein Picknick. Die neuen Regel√§nderungen halte ich hingegen nicht f√ľr sinnvoll. Das statt dem dritten Satz entscheidende Champions-Tiebreak im Doppel und das neue Gruppen-System im Einzel gefallen mir gar nicht. Die Stimmung h√§ngt viel mehr vom Schauplatz ab. Zur√ľckblickend auf den Daviscup hat es mir als Tennisfan weh getan, dass die Halle nur zur H√§lfte voll war. Und wenn die Zuschauer nicht auf die Idee kommen, Stimmung zu machen, dann muss man sich etwas einfallen lassen. Cheerleader oder andere Stimmungsmacher bew√§hren sich immer. Au√üerdem hat man vor dem Daviscup in Linz und Umgebung nicht viel mehr als drei Plakate gesehen.

Peter Moizi, Tennis-Journalist der Kronen Zeitung
Es w√§re falsch, wegen dem letzten Wochenende alles schwarz zu malen. Dass das Produkt Tennis in √Ėsterreich funktioniert, hat man bei den vergangenen ATP-Turnieren in der Wiener Stadthalle gesehen. Beim Daviscup ist aber leider alles den Bach hinunter gelaufen: zu wenig Euphorie im Vorfeld, zu teure Kartenpreise in einer Stadt, die keine Daviscup-Tradition hat, und zu guter Letzt √§ngstlich agierende Spieler. Bei einem L√§nderkampf muss man cooler und hungriger sein. J√ľrgen Melzer und Stefan Koubek sind insgesamt lieb und brav, aber sie sind nicht die Typen, die ihre Zuschauer aus den Socken rei√üen k√∂nnen. Leider haben unsere Burschen eine Chance ausgelassen, wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Denn den Tennisfans ist ein Daviscup-Sieg oft mehr wert als beispielsweise ein Erfolg bei einem Grand Slam-Turnier.

Hakan Dahlbo, Estess-Tennistrainer
Man spricht hierzulande viel zu viel von den schlechten Dingen, aber man macht sich keine Gedanken √ľber die guten. Deswegen muss man auch den Medien an einer schlechten Stimmung Schuld geben. Alle Spieler arbeiten hart, doch im Tennis kann es nur einen Gewinner geben. Leider werden die Sportler oft viel zu schnell hoch gezogen und danach sind wir entt√§uscht, weil sie unsere Erwartungen nicht erf√ľllen. Zu kritisieren ist immer einfach, doch wir m√ľssen uns bewusst sein, dass √Ėsterreich zurzeit keinen Muster hat. Aber auch Thomas Muster hat am meisten geleistet, als er nach seiner ungl√ľcklichen Knieverletzung 1989 am Boden war. Tom hat in seiner damaligen Situation das Positive gesehen, viele andere h√§tten jedoch nur Angst vom Versagen gehabt. Alles in allem w√ľrde ich mir w√ľnschen, dass man in √Ėsterreich mehr zum Positivismus √ľbergeht.

Stefan Hirn, √ĖTV-Nummer 22 und tennisweb.at-Kolumnist
Dass das √∂sterreichische Publikum begeisterungsf√§hig ist, hat man schon oft genug gesehen. Doch ohne Leistung kann schwer Euphorie entstehen. Als zwei √Ėsterreicher bei der letzten BA-CA-Trophy im Viertelfinale gestanden sind, war die Stadthalle voll. Was uns jedoch fehlt, sind Charakteren - wie zum Beispiel Gael Monfils. Das ist auch der Grund, dass unsere Spieler f√ľr die Werbung uninteressant sind. Ich habe sie noch nie von einer Plakatwand lachen sehen. Vielleicht w√§re da einmal ein Medientraining notwendig. Die Schifahrer sind in dieser Hinsicht ein absolutes Vorbild. Auf der anderen Seite w√ľrde ich die fehlende Begeisterung der √∂sterreichischen Zuschauer nicht auf Passivit√§t zur√ľckf√ľhren. In Klagenfurt beim Beachvolleyball-Event oder in Schladming beim Nacht-Slalom sieht man, dass genau das Gegenteil der Fall sein kann. Die Eintrittspreise m√∂chte ich ebenso nicht als Ausrede gelten lassen. Denn wenn die Leistung und das Flair passen, dann sind die Leute auch bereit, mehr Geld auszugeben.

Christian Fell, Chefredakteur "Happy Tennis"
Ich w√ľrde die Begeisterungsf√§higkeit des √∂sterreichischen Tennispublikums nicht an einem Wochenende als Gradmesser festmachen. Ich glaube auch nicht, dass eine wie immer geartete "typisch √∂sterreichische" Lethargie f√ľr mangelnden Besuch oder gar die Davis Cup-Niederlage verantwortlich ist. Sicher wird man keinen Massenansturm erzeugen, indem man die Schwelle f√ľr den Besuch, z.B. durch schmerzhafte Eintrittspreise, besonders hoch legt. Wenn niemand zu einem Event kommt, ist es nicht gut oder zu teuer verkauft. Der Wunsch nach Topspielern und charismatischen Zugpferden ist verst√§ndlich, aber nicht die momentane Realit√§t. Realit√§t ist, dass viele Leute gern Tennis spielen, aber nicht so leicht zu euphorisieren sind wie fr√ľher. Das w√§re eigentlich eine gute Basis f√ľr Werbefachleute. Die ATP-Tour reagierte, indem sie ihre Werbemittel verzehnfachte ¬Ė und um hier die Breitenwirkung zu verbessern, wird man auch Geld in die Hand nehmen m√ľssen, wenn man nicht gerade einen neuen Muster zur Hand hat. Die Tour sieht, dass man einen Sport ¬Ė auch wenn er noch so gut ist ¬Ė dementsprechend verkaufen muss. Die Frage ist: Wer hat etwas davon, dass die Fans begeistert sind, und wie kann er dazu bewegt werden, einen Beitrag dazu zu leisten? Eine andere berechtigte Frage ist: Wie bringt man mehr Begeisterung in Spieler, die √Ėsterreich vertreten?

Ronnie Leitgeb, Ex-Daviscup-Kapitän
Leider hatten wir im Vorfeld der Veranstaltung Segel ohne Wind. In den Zeitungen wurde der Daviscup nur am Rande erwähnt. Dass wir Favorit waren, wurde sogar nur in einem Nebensatz erwähnt. Das habe ich nicht verstanden. Die Meinung, dass die geringen Zuschauerzahlen mit den teuren Eintrittspreisen zusammen hängen, teile ich nicht. In den letzten 25 Jahren Daviscup habe ich erkannt, dass sich das österreichische Fan-Potenzial etwa bei 2500 bis 3000 Zuschauern befindet. Die Ausnahmen sind die großen Daviscup-Schlager und das Wiener Stadthallen-Turnier. Ein 3000 Zuschauer fassendes Stadion hätte also gereicht und die Stimmung wäre dann auch besser gewesen.

Alex Antonitsch, Ex-Daviscupper und ORF-Co-Kommentator
Der Grund f√ľr die schwachen Zuschauerzahlen liegt meiner Meinung nach an den zu teuren Eintrittspreisen. In Linz war die billigste Daviscup-Karte um 45 Euro zu haben, bei Deutschland gegen Kroatien ist man aber schon mit 15 Euro ins Stadion gekommen. Auf der anderen Seite m√ľssen auch die Spieler mehr zu vollen R√§ngen beitragen. Sie m√ľssen positive Emotionen zeigen und an das Publikum weiter geben. Leider haben dann auch noch die Nerven nicht ganz mitgespielt. J√ľrgen hat bei den unwichtigen Punkten gut gespielt, bei den wichtigen jedoch ganz schlecht.

Alfred Tesar, FedCup-Kapitän
Die Stimmung auf den R√§ngen h√§ngt immer mit der Pr√§sentation der Spieler am Platz zusammen. Und √ľber diese waren viele Zuschauer entt√§uscht und ver√§rgert. Die Leute zeigen Begeisterung, wenn ihnen Engagement und Kampfgeist von den Spielern vermittelt wird. Deswegen hat sich das Publikum mit Thomas Muster so gut identifiziert. Aber die Chancen kommen wieder, wenn man daran glaubt und arbeitet. Die Preise waren zudem definitiv √ľberh√∂ht. Auch die samst√§gige Jugendaktion mit 10 Euro Eintritt war nicht zufriedenstellend, denn das ist f√ľr einen Jugendlichen noch immer zu viel. Da m√ľssen Kompromisse gemacht werden.


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