Thomas Schiessling: "Es kann auch von heute auf morgen vorbei sein"

Nach seinem dritten Hallen-Staatsmeistertitel in den letzten vier Jahren spricht Thomas Schiessling im tennisweb.at-Interview über Verletzungen, Finanzen und über die Karriere nach dem Tennis.

Gratulation zum Staatsmeistertitel. Hast du mit dem Titel gerechnet?
Nein, überhaupt nicht. Eigentlich habe ich einen Tag vor Beginn noch gesagt, dass ich gar nicht spiele, weil ich in den letzten Monaten kaum trainiert habe. Zuerst wegen einer Kieferoperation und dann ist noch eine Entzündung der Bizeps-Sehne dazugekommen. Nachdem aber Sandbichler abgesagt hat, habe ich es doch probiert.

Wie schlecht geht es mit der Schulter?
Ich hab beim Service wahnsinnige Schmerzen und habe in Neusiedl praktisch ohne Aufschlag gespielt. Mit den Pulvern ist es bis jetzt nicht wirklich besser geworden. Aber bei Behandlungen mit Kortison-Spritzen ist mir die Gefahr zu groß, dass die Sehne reißt – dann müsste ich mindestens ein halbes Jahr pausieren. Deshalb muss ich schauen, dass es anders besser wird.

Trotz der schlechten Vorraussetzungen hat es ja in Neusiedl sehr gut geklappt.
Ja, ich bin wirklich ohne große Erwartungen hingefahren und wollte eigentlich nur versuchen, die Punkte aus dem Vorjahr zu verteidigen, damit ich in der ÖTV-Rangliste nicht zurückfalle...

… und plötzlich warst du im Finale gegen Nico Reissig.
Reissig hat mich in dieser Woche wirklich überrascht, immerhin hat er meinen Top-Favoriten Johannes Ager eliminiert. Er ist noch jung und spielt schon sehr schnell und wirklich solide. Im Finale hat er mich überhaupt nicht in die Partie kommen lassen. Nur bei 4:5 im zweiten Satz hat er dann zwei Eigenfehler gemacht und ich hab meine erste Chance genutzt. Da hat man dann schon den Unterschied gesehen: Ich war mehr als zehn Mal in so einem Finale und weiß, wie man sich in solchen Situationen verhält - für ihn war es das erste Endspiel.

Wie schaut deine Turnierplanung für die nächsten Monate aus?
Im April und Mai möchte ich die Preisgeldturniere in Pregarten und Mattighofen spielen, bevor ich dann im Sommer wieder Meisterschaft in Deutschland und Österreich spiele. Zuerst muss ich aber versuchen, die Probleme mit der Schulter wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen und besonders wieder an der Fitness arbeiten.

Wenn man Reise-, Aufenthalts- und sonstige Kosten abzieht, ist Tennis für dich finanziell noch so lukrativ, damit du dir das weiterhin antust?
Ich kann mir sicher nicht soviel auf die Seite legen wie ein Koubek, aber wenn ich die Top-Turniere gewinne oder ins Finale komme, dann zahlt es sich schon aus. Scheide ich im Semifinale oder früher aus, dann kommt dabei nicht sehr viel raus. Ähnlich ist es bei den Ligaspielen – wenn ich meine Spiele gewinne, dann passt das mit den Verträgen auch weiterhin. Eine schlechte Saison sollte ich mir aber nicht wirklich leisten.

Du hast in deiner Karriere zehn Knieoperationen gehabt und bist auch sonst nicht von Verletzungen verschont geblieben. Wie lange kannst du noch als aktiver Tennisspieler dein Geld verdienen?
Für die Ärzte ist es seit fünf Jahren ein medizinisches Wunder, dass ich noch auf diesem Niveau spiele. Früher habe ich vorgehabt, bis 40 als Profi mein Geld zu verdienen. Jetzt möchte ich die nächsten ein, zwei Jahre noch mitnehmen, wenn die Leistungen passen und wenn es mit den Verletzungen nicht schlimmer wird - es kann aber auch von heute auf morgen vorbei sein. Ehrlich gesagt wird es mittlerweile mit den Turnieren immer mühsamer: Ich muss Tage vor dem Turnierstart mit Voltaren beginnen, vor den Spielen fast eine Stunde tapen und mit Salben einschmieren, damit ich halbwegs schmerzfrei spielen kann.

Wie sehen die Pläne für die zweite Karriere aus?
Genaue Pläne gibt es noch keine. Aber ich habe von Privatpersonen einige Angebote bekommen, um mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten und weiter beim Tennis zu bleiben. Das habe ich bis jetzt immer abgelehnt, weil ich selbst noch spielen möchte. Die zweite Möglichkeit ist, dass ich vom Tennis weggehe und mich im Finanzsektor um einen Job umschaue. Da braucht man aber auch das Glück und die Kontakte, dass man bei einer Firma unterkommt und dort die theoretische Ausbildung erhält.

Interview: Bernd Baumgartner


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