Einzug in die Weltklasse, Erfüllung eines Lebenstraumes, Nummer sieben der Welt – 2007 war das Jahr von Julian Knowle
Jahresbilanzen 2007 – Teil 7: Julian Knowle schaffte in der letzten Saison mit dem US Open-Sieg, dem Masters Cup-Endspiel und drei weiteren Turniersiegen den Einzug unter die Top 10 der Doppel-Weltrangliste. Die tennisweb.at-Redaktion traf sich mit dem 33-jährigen Vorarlberger in der Südstadt kurz vor seinem Abflug nach Australien. Dabei erzählte Julian von seiner Angst nach dem Hörsturz, wie er die US Open 2007 erlebt hat, wie sein Partner Simon Aspelin denkt und was er sich für die Karriere nach dem Profisport vorstellen könnte.

Zuerst die wichtigste Frage: Wie geht es dir gesundheitlich vor der Abreise nach Australien?
Die letzten zwei, drei Tage war es zum Glück schon sehr gut, gestern war es dann wieder ein bisschen schlechter. Also es schwankt noch etwas hin und her, aber alles in allem bin ich am Weg der Besserung.
Was unternimmst du, um bald wieder hundertprozentig fit zu sein?
Man kann eigentlich nicht mehr viel machen. Ich habe im Spital zehn Tage Infusionen bekommen, derzeit muss ich noch Tabletten nehmen.
Geht es sich bis zum Turnier in Sydney aus?
Ich fliege auf jeden Fall am 2. Jänner, erwarten werde ich mir von diesem Turnier aber gar nichts. Ich sehe Sydney nur als Trainingswoche, in der wir vor den Australian Open noch das eine oder andere Match spielen können.
Wie viel Trainingsrückstand hast du?
Ich habe einigen Rückstand, weil ich im Dezember nichts trainiert habe. In der Zeit wollte ich die Schwerpunkte setzen. Die ersten zehn Tage meiner Vorbereitung habe ich mit dem Ellbogen Probleme gehabt und so konnte ich nur etwa zwei Stunden am Tag trainieren, ohne Aufschlag und ohne Smash. In den eineinhalb Wochen im Spital konnte ich nichts machen. Ich habe mir nicht gedacht, dass es mich körperlich so weit zurückwirft.
Jürgen Hager hat uns erzählt, dass du ursprünglich nicht wegen dem Hörproblem zum Arzt gegangen bist.
Das Hörproblem hat am Dienstag angefangen, am Mittwoch hatte ich bei Dr. Weinstabl einen Termin wegen meinem Ellbogen. Da habe ich zu ihm gesagt, dass ich auch in die HNO gehen möchte, um mir das anschauen zu lassen.
Hätte es gefährlich werden können, wenn du nicht früher zum Arzt gegangen wärst?
Ich habe am Mittwoch einen Hörtest gemacht, der nicht so schlecht war. Die Ärztin hat gesagt, dass es mit Tropfen besser werden sollte und hat mich wieder nach Hause geschickt. Danach ist es nicht schlechter, aber auch nicht besser geworden. Nach zwei Tagen habe ich noch einen Hörtest gemacht, dieser war schlechter. Dann hat die Ärztin gemeint, dass ich im Spital bleiben muss.
Kennst du den Auslöser der Krankheit?
Die Ärzte wissen es nicht so genau. Das Problem könnte durch Stress, aber auch durch einen Virus ausgelöst worden sein.
Die Heilung dieser Krankheit verläuft nicht immer so zügig. Hast du dir um deine weitere Karriere schon Sorgen gemacht?
Am Anfang bin ich schon davon ausgegangen, dass das bald wieder in Ordnung ist. Doch im Spital habe ich mich in diese Krankheit eingelesen und gemerkt, dass dieses Problem auch so bleiben kann. Dann fängt man schon an nachzudenken, vor allem wenn es nicht besser wird. Die Angst, dass es so bleiben könnte, war für mich das Schlimmste.
Hattest du in dieser Zeit Kontakt zu Simon?
Wenig, weil ich nicht telefonieren durfte. Ich habe ihm ein paar Sms geschickt, dass ich ins Spital muss, und dass es sich für Doha nicht ausgehen wird.
Sprechen wir nun über das Positive des vergangenen Jahres: Dein Saisonhöhepunkt war sicherlich der US Open-Sieg in Flushing Meadows. Wie hast du das Turnier erlebt?
Vor dem Turnier haben wir im Training überhaupt nicht gut gespielt, vor allem ich habe mit der Form gekämpft. Dann haben wir das erste Match gespielt und glatt gewonnen, von da an ist es sehr gut gelaufen. In der zweiten Runde bekamen wir ein w.o. In der dritten haben wir in einem schwierigen Match gegen Erlich/Ram in zwei knappen Sätzen gewonnen.
Dann wart ihr schon im Viertelfinale, wo ihr gegen Bryan/Bryan als krasser Außenseiter in die Partie gegangen seid.
Das Viertelfinale war für uns schon ein sehr gutes Ergebnis. Gegen Bryan/Bryan haben wir die Woche davor zum Glück nur knapp in zwei Sätzen verloren, obwohl ich mit meiner Leistung überhaupt nicht zufrieden war. In New York haben wir genau gewusst, dass wir unsere Chancen haben, wenn wir gut spielen. So war es dann auch, und wir haben verdient in zwei gewonnen.
Was ist nach diesem Sieg in euch vorgegangen?
Dann hat sich das Turnier für uns drastisch verändert, weil nach dem Match ist auf uns von allen Seiten sehr viel Druck gemacht worden. Alle haben gesagt: "Wenn wir die Bryans schlagen, sind wir die Turnierfavoriten." So haben wir das überhaupt nicht gesehen, denn da waren zum Beispiel noch Dlouhy und Vizner, die im Viertelfinale gegen Knowles/Nestor, und im Halbfinale gegen Hanley/Ullyett, unglaublich gespielt haben.
Gegen die Franzosen Benneteau und Mahut hattet ihr im Semifinale auch reichliche Probleme.
Da haben wir schon gewusst, dass es sehr schwierig wird. Alle haben geglaubt, dass wir gewinnen müssen, und wir haben die Chance gesehen, dass wir ins Finale einziehen. Auf der anderen Seite sind die beiden ein super Doppel. Es war dann auch das erwartet schwere Match, das wir in drei Sätzen gewonnen haben.
Julian und Simon nach dem verwerteten Matchball. Wie habt ihr die Zeit bis zum Endspiel verbracht?
Der Tag vor dem Finale war extrem nervenaufreibend. Man bekommt das nicht so einfach aus dem Kopf, dass man im Grand Slam-Finale steht. Du machst dir selber den Druck, die anderen machen den Druck. Du bekommst hunderttausend Sms: "Jetzt noch ein Match durchhalten." Ich habe dann versucht, alles von mir wegzulassen und habe das Handy ausgeschaltet. Wir haben am Finaltag eineinhalb Stunden trainiert, vor dem Match war wieder die große Anspannung. Dann sind wir ins Stadion hinein gegangen. Ich habe ziemlich viel Respekt gehabt, weil ich in diesem Riesending noch nie gespielt habe. Vor dem Einschlagen habe ich mich einmal fünf Minuten hingesetzt, um mich an die Atmosphäre zu gewöhnen. Dann haben wir eine halbe Stunde gespielt bis es okay war.
Bei den French Open habt ihr gegen Dlouhy/Vizner klar 2:6, 4:6 verloren. Mit welcher Taktik seid ihr in dieses große Spiel gegangen?
Wir haben das am Vorabend besprochen. So wie sie ihre Matches bis zum Finale gespielt haben, wussten wir nicht wirklich, was wir machen sollten. Also haben wir gesagt: "Wir spielen unser Spiel und schauen einmal, was passiert." Wir haben auf den Faktor gesetzt, dass ein Grand Slam-Finale ein anderes Match ist. Vizner ist schon relativ alt (Anm.: 37 Jahre) und war schon zum dritten Mal im Finale. Er hat gewusst, dass es vielleicht seine letzte Chance sein würde. Sie waren sicherlich die Favoriten, aber im Finale hat vor allem Dlouhy nicht so gespielt, wie er es kann. Die Bedingungen waren schwierig, es war sehr windig. Dafür haben wir unseren Part sehr solide runter gespielt.
Was hast du dir nach dem Matchball gedacht?
Da ist einfach der ganze Druck von mir abgefallen. Es dauert lange, bis man das alles verarbeitet. Bei den nächsten Turnieren haben wir dann gesehen, wie schwierig es eigentlich ist, ein "normales" Turnier zu gewinnen.
Die Siegerehrung im 22.547 Zuschauer fassenden Arthur Ashe-Stadium. Hast du es jetzt schon realisiert?
Nach Shanghai habe ich einmal fünf, sechs Tage nichts gemacht. In dieser Phase spielt man noch einmal alles durch und man realisiert, dass ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist.
Hat sich seitdem in deinem privaten Leben etwas verändert?
Die Leute erkennen mich jetzt mehr. Das ist mir auch nicht lästig, es war niemand ungut dabei. Bisher habe ich nur positive Erfahrungen gemacht, die Leute erkennen meine Leistung an.
Wie ist jetzt euer Standing auf der Tour?
Wir haben uns in einem halben Jahr von 0 auf 3 gespielt und vier Turniere gewonnen. Der Respekt war vorher sicher auch schon da, weil wir sind ja nicht aus dem Nichts gekommen, wir sind beide um Platz 15 gestanden. Jetzt ist der Respekt durch den Grand Slam-Sieg natürlich noch einmal gewachsen.
Für die neue Saison habt ihr euch getrennt voneinander vorbereitet. Ist das ein Problem?
Überhaupt nicht, nach dem halben Jahr kennen wir uns schon gut genug. Jeder braucht einmal ein bisschen Abstand vom anderen, nachher sind wir sowieso wieder 35 Wochen miteinander unterwegs. Wir trainieren daheim das, was wir uns vorgenommen haben, und dann kommen wir wieder zusammen.
Unternehmt ihr auf der Tour auch privat viel gemeinsam?
Wir gehen häufig essen und unternehmen auch sonst viel miteinander.
Welcher Typ ist Simon?
Bei ihm täuscht der erste Eindruck: Er wirkt auf dem Platz sehr ruhig, aber wenn es nicht läuft, dreht er innerlich durch. Er wird schnell negativ, auch wenn es überhaupt keinen Grund dafür gibt. Nach den US Open haben wir zweimal im zweiten Match verloren, da war er sehr angefressen und er sucht dann nach Gründen. Aber heutzutage verliert man schnell einmal im Champions Tiebreak. Außerhalb vom Platz ist er ein Lebemensch, da kann man viel Spaß mit ihm haben.
Wie sehen eure Ziele für das Jahr 2008 aus?
Wir wollen am Jahresende wieder beim Masters dabei sein und über die gesamte Saison unser Potential abrufen. Ich möchte wieder Turniere gewinnen und unter den Top 10 bleiben. Ein Traum von Simon und mir wäre auch ein Grand Slam-Titel, am liebsten Wimbledon, aber das geht leider nicht auf Bestellung. Bei einem Grand Slam-Turnier muss einfach über zwei Wochen alles passen.
Was ist dein Ziel für die Olympischen Spiele in Peking?
Wir haben sicher Chancen auf eine Medaille, aber wir sind absolut nicht in der Favoritenrolle, auch wenn man uns da hineindrängen möchte. Die Bryans sind Favoriten, andere Teams wie Llodra/Clement haben auch gute Chancen. Man darf auch die Einzelspieler Federer, Nadal und Nalbandian nicht unterschätzen. Es gibt viele Teams, die eine Medaille machen können, und da gehören wir dazu. Aber wenn man nach Peking fährt, dann muss eine Medaille das Ziel sein.
Wie wirst du dich mit Melzer auf die Spiele vorbereiten?
Vor Peking werden wir zwei bis drei Turniere gemeinsam spielen, welche das sein werden, ist noch nicht ganz sicher. Aber ich könnte mir München und Pörtschach ganz gut vorstellen. Es wird jedenfalls kein Grand Slam-Turnier und auch kein Masters Series-Event dabei sein. Da liegt die Priorität bei mir schon auf der Qualifikation für den Masters Cup.
Wo siehst du in deinem Spiel noch Verbesserungen?
Das meiste Potential liegt bei mir im Aufschlag, den möchte ich konstanter machen. Auch im Überkopfspiel und in der Rückwärtsbewegung kann ich mich weiter verbessern. Man hat sowieso nie ausgelernt und kann sich immer weiterentwickeln, ohne aber dabei seine Stärken zu vernachlässigen.
Du hast im Dezember mit den jungen Südstadt-Spielern trainiert. Wie schätzt du deren Chancen ein?
Von den Schlägen her hat wohl Andi Haider-Maurer das größte Potential. Seine Trainingseinstellung ist schon sehr gut, und er weiß genau was er will. Martin Fischer hat seine bisher beste Saison gespielt, muss aber noch viel im körperlichen Bereich arbeiten. Er ist ein intelligenter Spieler und hat ein sehr gutes Spielverständnis. Bei Philipp Oswald verstehe ich nicht, dass er noch nicht weiter vorne ist. Wenn sein Spiel mit dem Aufschlag als Waffe greift, dann kann es bei ihm sehr schnell nach oben gehen. Mit Armin Sandbichler habe ich nicht so viel gespielt, da kann ich seine Leistungen zu wenig einschätzen.
Auffallend ist, dass in den letzten Jahren viele Spieler aus Vorarlberg den Sprung nach vorne geschafft haben. Woran liegt das?
Ich kann es nicht genau sagen, aber die Jugendarbeit des Verbandes dürfte anscheinend sehr gut sein. Es war schon zu meiner Zeit so, dass bei U14 und U16-Meisterschaften viele Vorarlberger vorne dabei waren. Jetzt sind einige aus Vorarlberg durchgekommen.
Zur Zukunft: Wo siehst du dich in zehn Jahren?
(lacht) Das frage ich mich selber manchmal. Solange der Körper mitspielt und solange ich erfolgreich bin, möchte ich mit dem Profitennis weiter machen. Aber Dinge wie meine Erkrankung zeigen, dass Tennis zwar einen sehr hohen Stellenwert hat, aber nicht das Wichtigste im Leben ist. Im Turnier-Trott vergisst man das leider immer wieder. Es wird sicher was anderes für mich geben. Was das sein wird, weiß ich aber noch nicht genau.
Möchtest du dem Tennis nach deiner aktiven Karriere weiterhin verbunden bleiben?
Ich kann mir durchaus vorstellen, nach dem Karriere-Ende mit einem Spieler ein, zwei Jahre lang für einige Wochen auf Tour zu gehen. Wenn man 35 Wochen im Jahr auf Tour ist, kann man auch nicht so abrupt aufhören, sonst fällt einem wahrscheinlich die Decke auf den Kopf. Aber nicht jeder gute Spieler wird ein guter Trainer. Ich kann mir auch vorstellen die Seiten zu wechseln und im Management zu arbeiten.
Seit deinem Triumph in New York hast du ein eigenes Management. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?
Es tut sich leider sehr wenig, das liegt aber nicht am Management. Das Feedback der Sponsoren ist allerdings eine Enttäuschung. Tennis ist eine Weltsportart und nach meinen Leistungen in New York und Shanghai kann es eigentlich nicht mehr besser werden. Die Wertschätzung für mich, was das Sponsoring betrifft, ist nicht hoch genug, und das enttäuscht mich ehrlich gesagt.
Woran liegt es, dass die Sponsoren sich noch zurückhalten?
Ich glaube schon, dass Tennis einen hohen Stellenwert in Österreich hat. Aber der Bezug zu den Leistungen im Doppel fehlt hier nach wie vor. Nach mir werden in Österreich noch Spieler folgen, die sich aufs Doppel konzentrieren - wenn sie die gleichen Erfolge wie ich haben, dann werden sie es sicherlich leichter haben.
Das Gespräch führten: Bernt Baumgartner, Andreas Simon
Der direkte Link zur Activity von Julian Knowle.
zurück zur Übersicht
|