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Eintrag 414: Dienstag, 31. Juli, Sopot
Ganz ehrlich: Ich kenn mich jetzt gar nicht mehr aus. Aber ich freu mich sehr über diesen unglaublichen Sieg.

Irgendwann hab ich unterwegs zu rechnen angefangen: In Kitzbühel nach 1:4 kein Game mehr, das macht elf in Serie verloren, ja, und dann waren es heute irgendwann 15, 18, 20, 21 in Serie ... ich war ehrlich froh, als ich das Game auf 1:4 im zweiten Satz gemacht hab. Das nächste Game war aber wieder wie gewohnt: Er hat serviert, drei Asse und ein Winner, zu Null auf 5:1. Vielleicht kann man es so sagen: In diesem Moment war ich nicht mehr zu hundert Prozent vom Sieg überzeugt.
Aber von Anfang an: Zu Mittag hat es nicht so ausgesehen, als würden wir spielen können. Aber als wir dann auf die Anlage gekommen sind, hat es geheißen, wir spielen gleich, ich hab gerade einmal zehn Minuten einschlagen können, und es ist losgegangen. Calleri ist, sagen wir so, kein Freund von langsamem Kennenlernen. Der hat durchgeladen und aus allen Rohren geschossen. Die ersten paar Games hat er gar nicht auf die Linien getroffen, sondern mitten ins Feld, aber einfach zu schnell für mich.
Ich war dauernd in der Defensive (wenn ich überhaupt den Ball im Spiel halten konnte), er hat einfach draufgehaut und getroffen, dann mit der Zeit hat er einen richtigen Lauf geschoben: Rückhand longline eingesprungen, Winner. Angriff, Volleystopp unerreichbar. Asse en gros. Auf meine zweiten Aufschläge hat er ohnehin draufgezogen, dann irgendwann hat er angefangen, meine ersten zu verwerten. Ich hab probiert, ihn laufen zu lassen, hohe Spin, alles - er hat relativ unkreativ reagiert: Er hat Winner geschossen.
Also dann 0:6, 1:5. Mein nächstes Aufschlaggame zu Null für mich, 2:5. In diesem Moment hab ich mir aber ehrlich gedacht: Wenn ich ihn einmal breake, dann meinen Aufschlag halte, steht's 4:5 - und dann schau ich mir an, wie er mit seinem Lauf umgeht, wenn er ausservieren muss.
Und genau das ist dann passiert: Er hat ein bisschen zum Denken angefangen, nicht mehr auf alles draufgezogen, und auf einmal sind Rallyes entstanden. Ich weiß ehrlich nicht mehr, wie die nächsten Games verlaufen sind, aber auf einmal hab ich 3:0 im Tiebreak geführt. Der nächste Ball war ein komplett leichter Volley, den ich weit ins Out geschlagen hab - das war wieder eine sehr gute Gelegenheit, viel über mich nachzudenken und darüber, wie ich zuletzt meine Tiebreaks gespielt hab, zum Beispiel in Gstaad gegen den Herrn Seppi. Irgendwie hab ich trotzdem das Tiebreak gewonnen. Betonung auf irgendwie.
Und dann hat's zu regnen begonnen. Wir gehen in die Umkleide, wollen schnell duschen, plötzlich rufen sie uns, dass es weiter geht. Also zurück auf den Platz, und weil die Pause kürzer war als zehn Minuten, ist es ohne Einspielen weitergegangen. Ich weiß nicht, was Calleri in der Pause gemacht hat, aber er hat plötzlich angefangen, die Partie richtig abzuschenken. Erster und zweiter Aufschlag voller Durchzug, Ass oder Doppelfehler, jeder Return Vollbrett - senkrecht in die Wurzel, Winner, waagrecht in die Plane.
Wenn ich ihn gleich am Anfang des dritten Satzes gebreakt hätte, wäre die Partie nach zehn Minuten vorbei gewesen. Aber natürlich hab nicht ich ihn gebreakt, sondern er mich, weil er irgendwelche verrückten Bälle gespielt und getroffen hat - Augen zu, Durchzug, 2:5. Vorbei war's trotzdem nicht. Denn plötzlich hat er dann nicht mehr scheißdrauf gespielt, sondern wollte wieder, hat also halbwegs normales Tennis gespielt. Und das war sein Fehler, weil in den Rallyes war ich sicherer. Rebreak, 5:5. Bei 6:5 hat er wieder wie ein Verrückter durchgezogen, 7:5, dankeschön.
Ich kann mir das alles heute ehrlich nicht erklären. Ich hab zwar schon einmal eine Partie ähnlich gedreht, in Australien gegen Saulnier 0:6, 1:6, 1:4 mit Doppelbreak, aber die heutige Partie ist in Wahrheit genauso irrereal, wie man sagt, wie die gegen Köllerer in Kitzbühel.
Am Donnerstag geht's gegen den Belgier Vliegen, das ist zur Abwechslung wieder einer, der auf Aufschlag und Vorhand ordentlich draufhackt. Schauen wir halt, was passiert.
CU auf tennisfabrik.at!
Euer Stefan Koubek
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