"Jeder Spieler wäre froh, wenn Daniel weg wäre"

Köllerer-Coach Martin Spöttl im tennisweb.at-Interview: Über Verschwörungstheorien gegen Publikumsliebling Köllerer, der Ergebnisse eines Top 30-Spielers einfuhr.

Martin, wie hast du Daniel in Südamerika erlebt?
Zunächst möchte ich eines sagen – und das ist mir sehr, sehr wichtig: Ich möchte hier absolut nichts schönreden. Wenn ich gesehen hätte, dass sich Daniel am Platz so benimmt wie früher, dann hätte ich unsere Zusammenarbeit sofort beendet. Aber ich habe ihn ganz anders erlebt, als das Rainer Eitzinger, Marco Mirnegg, Jürgen Hager und Tomas Behrend dargestellt haben.

Und zwar?
Zunächst wäre mir einmal nicht aufgefallen, dass ihn die anderen Spieler meiden. Alle haben normal mit ihm geredet. Ich hab auch mit Spielern gesprochen: Canas, Pashanski, oder Hartfield, die alle gegen Daniel gespielt haben, hatten kein Problem mit seinem Verhalten. Auch die Supervisor und Schiedsrichter haben gesagt, dass er sich eklatant gebessert hat.

Wie kann man sich das vorstellen? Schimpft er weniger? Werden weniger Schläger zerstört?
Daniel ist kein Engerl. Es ist sicher sehr, sehr schwer gegen ihn zu spielen. Er beschwert sich beim Schiedsrichter, lässt Bälle überprüfen, wartet wenn ein Zuschauer nicht sitzt, oder wenn ein Ballbub nicht auf seinem Platz steht. Er zerstört permanent den Spielrhythmus, und das finden viele Spieler unfair. Aber es ist nicht gegen die Regeln. Und ihn stört das alles wirklich, er macht das nicht, um den Gegner rauszubringen. Ich bin mir sicher, dass ihm das sogar mehr schadet, als dass es für ihn ein Vorteil wäre.

Gab es also keine Ausraster – zumindest in der Zeit, als du in Südamerika warst?
Nein, die hat es nicht gegeben. Er ist zwar dreimal verwarnt worden, es waren allerdings Time-Warnings, weil er sich zuviel Zeit gelassen hat. Wenn sich Daniel so benommen hätte wie so manch andere Spieler, die ich gesehen habe, wäre er schon wieder gesperrt worden. Komischerweise stört es niemanden, dass zum Beispiel Pashanski den Canas während dem Match aufs Übelste beschimpft – und zwar auf Englisch und gut verständlich. Wenn Daniel allerdings in Südamerika zu einem Zuschauer im oberösterreichischen Dialekt sagt, er solle den Mund halten und sich auf seinen Hintern setzen, dann ist das natürlich sofort ein Skandal.

Dann klingt das ja nach einer Verschwörung gegen Daniel. Rainer Eitzinger, Marco Mirnegg, Jürgen Hager, Tomas Behrend und viele andere Spieler, Coaches und Funktionäre, die gegen Daniel unterschrieben haben. Warum sollten die alle das machen?
Ich kann’s mir nur so erklären: Daniel ist ungut zu spielen, es ist nicht lustig gegen ihn. Jeder andere Spieler wäre froh, wenn er weg von der Tour wäre. Den Spielern wäre es sicher auch lieber gewesen, wenn Canas länger gesperrt worden wäre, denn der hat dort fast alles gewonnen.

Wieso wurde die Geschichte deiner Meinung nach von den Medien so aufgenommen?
Daniel hat die Gabe, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er ist eine Persönlichkeit, ihn wollen die Leute sehen. Da passiert was am Platz. Schon früher sind die Leute mit Cola und Chips zu den nationalen Turnieren gefahren und haben sich angeschaut, wie er auszuckt. Daniel lebt von der Emotion, er braucht das. Man hat immer das Gefühl, der Hund da drüben will sein letztes Hemd geben, um diese Partie zu gewinnen. Er hechtet nach den Volleys, rackert, kämpft, schreit so laut "Vamos", dass man es in der nächsten Ortschaft noch hört. Welcher Spieler gebärdet sich so wie er – außer Nadal oder Hewitt?

Wie wurde sein Verhalten vom Publikum aufgenommen?
Die Leute haben ihn geliebt. Er war der Publikumsliebling in Asuncion. Daniel hat mehr Autogramme geschrieben als alle Spieler bei diesem Turnier zusammen. Ab seiner zweiten Partie in Asuncion hat er jedes Match am Centercourt gespielt – als einziger. Eben weil er am Platz seine Emotionen lebt. Das hab ich auch schon ganz anders erlebt.

Und zwar?
Heuer bei den US Open hat er in der letzten Qualifikationsrunde gegen del Potro verloren. Dort war er komplett still, hat keine Emotion gezeigt. Daran müssen wir noch arbeiten, dass er seine positive Emotion hochhält. Er hat jahrelang nur einen Weg gekannt, um seine Emotionen hoch zu halten, und zwar durch seine Ausraster. Jetzt kennt er andere Wege, daran haben wir sehr hart gearbeitet.

Hat sich Daniel nach der Sperre geändert?
Die Sperre hat ihm den Arsch gerettet. Es war das Beste, das ihm passieren konnte. Er hat die Zeit gebraucht, um sein Spiel und sein Verhalten zu ändern. Das Benehmen war vorher einfach peinlich. Jetzt hat er einen anderen Weg gefunden, seine Emotionen hoch zu halten, auch wenn es noch nicht der optimale ist. Generell ist Daniel viel ruhiger geworden.

Und spielerisch?
Er hat seine Spielanlage geändert, spielt viel offensiver, macht die Punkte. Er hätte es drauf, noch offensiver zu spielen, nur muss er das erst besser umsetzen. Er spielt zum Beispiel einen weltklasse Rückhand-Longline, kann Asse servieren, und mit der Vorhand noch mehr machen, nur muss er diese Waffen häufiger einsetzen. Er muss seine Matches mit weniger Aufwand gewinnen.

Wie groß siehst du die Gefahr für einen Rückfall im Verhalten?
Sehr gering. Wenn er auf den Turnieren betreut wird, schließ ich einen Rückfall komplett aus.

Wie oft wirst du Daniel auf den Turnieren begleiten können?
Das hängt davon ab, ob wir einen Sponsor finden. Der müsste einen Betrag von 20.000 Euro aufstellen. Ideal wäre, wenn er bei 20 von 30 Turnieren einen Coach dabei hätte. Aber mehr als 8 bis 10 Wochen werden sich wohl nicht ausgehen.

Bevor es wieder mit den Turnieren angeht, wird wohl noch fleißig trainiert. Wie sieht eure Marschroute aus?
Jetzt hat Daniel noch Urlaub, am Montag geht’s dann mit dem Training los. Wir wollen vor allem am Aufschlag und am offensiveren Spiel arbeiten. Ein Turnier vom Salzburger Wintercup in Bergheim nächste Woche will er unbedingt spielen – das ist sicher eine willkommene Abwechslung zum harten Training, also kann er das Turnier spielen. Dann geht’s mit intensivem Training weiter, bis Jänner. In Chile, La Serena und dann Santiago stehen dann die ersten Turniere an. Gefolgt vom ATP-Event in Vina del Mar. Eventuell spielt er die Australian Open, aber nur dann, wenn mit den Flügen von Australien nach Cile alles klappen sollte.

Was, meinst du, ist 2007 drinnen?
Daniel hatte in Südamerika eine 15:7-Matchbilanz. Auf der ATP-Tour hat das ein Top 30-Spieler. Er hat bei acht Turnieren in vier Monaten 150 Punkte gemacht – obwohl er nicht überragend gespielt hat. Wenn es so weiter geht, kommt er leicht in die Top 100. Und ich denke, dass er sich noch verbessern kann und wird.

Eine direkte Frage zum Schluss: Stehst du weiter zu Daniel?
Dazu eine kurze Anekdote: Als ich mir die erste Partie von Daniel angeschaut hab, bin ich nach dem ersten Satz gegangen. Mir war zu diesem Zeitpunkt sein Gehabe am Platz irgendwie peinlich, obwohl er weit weg war von einer Verwarnung. Es waren eben ständig diese Spielunterbrechungen, weil ihm dies und jenes nicht gepasst hat. Das macht fast kein anderer Spieler. In meiner ersten Reaktion wollte ich direkt heimfliegen. Ich bin dann ins Hotel gefahren und habe mir überlegt, was da vorher am Platz genau passiert ist. Und da ist mir bewusst geworden, dass Daniel eigentlich gar nichts Unfaires gemacht hat, sondern ich nur ein Problem damit gehabt habe, dass sich die anderen Spieler nicht mit seinem Gehabe am Platz abfinden können und es als peinlich bezeichnen. Und genau da stellten sich mir zwei Grundsatzfragen: 1. Ist sein Gehabe wirklich so peinlich? Und 2. Kann ich mich damit abfinden, dass er eben anders ist? Die erste Frage habe ich für mich mit "nein" beantwortet und die zweite mit "ja". Und seitdem stehe ich mehr hinter ihm, als je zuvor.

Interview: Peter Robic




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