"Wir haben eine echte Gaude"

Jahresbilanzen 2005 - Teil 37: Martin Fischer im Interview über sein Training, warum 61 Kilo immer noch zu wenig sind, und warum in der Südstadt-Truppe von Anspannung keine Spur sein kann.

Martin, du hast Mitte November bei deinem letzten Saisonturnier 2005 im mexikanischen Queretaro dein erstes Einzel-Finale erreicht. Kann man ein Jahr besser beenden?
Ja, mit dem Turniersieg.

Viel hat dazu ja nicht gefehlt … du hast den fast 300 Ränge vor dir gereihten Brasilianer Rodrigo Grilli voll gefordert.
Es war ein sehr enges Match. Wir sind beide keine großartigen Aufschläger, da ist immer ein Break drinnen. Die Partie hätte jederzeit zu meinen Gunsten kippen können. Leider hab ich zu Beginn des dritten Satzes zwei, drei knappe Games verloren. Das hat ihn nach dem 6:0 für mich im zweiten Durchgang wieder aufgebaut.

Auf dem Weg ins Finale hast du deine Südstadt-Kollegen Philipp Oswald und Armin Sandbichler geschlagen – eine Genugtuung oder ein Sieg wie jeder andere?
Eher letzteres – auch wenn natürlich ein bisschen Prestige mitspielt.

Du hast vor Queretaro noch kein einziges Future-Viertelfinale erreicht. Warum ist es dort so gut gelaufen?
Ich hab gespürt, dass ich besser in Schuss komme als bei den Turnieren davor. Ich glaub, ich hab das Turnier einfach nicht so ernst genommen, mir nicht soviel Druck gemacht und einfach gut gespielt.

Warum warst du lockerer als davor?
Wegen der Schmerzen hab ich mir fürs Turnier nie wirklich etwas Konkretes vorgenommen, hab nur von Runde zu Runde geschaut. Und das hat so sehr gut geklappt.

Welche Schmerzen?
Ich hab mir in der Qualifikation eine Schulterverletzung zugezogen, die hat mich vor allem beim Aufschlag beeinträchtigt. Während der letzten Qualirunde hab ich schon überlegt, ob ich nicht w.o. geben soll. Ich hab dann aber doch weiter gekämpft.

Das Kämpfen hat sich ausgezahlt, oder?
Das kann man so sagen. Das Finale war sehr wichtig für mich, sonst würde ich jetzt immer noch um Platz 1100 stehen.

Und dennoch: Wäre in deinem ersten vollen Jahr auf der Herren-Tour nicht irgendwo mehr drinnen gewesen?
Man darf nicht vergessen, dass es im ersten Jahr vor allem wichtig war, Erfahrung zu sammeln. Teilweise hab ich noch Lehrgeld gezahlt. 2005 war ein Lernjahr. Aber es wäre natürlich mehr möglich gewesen. Mir fällt da zum Beispiel die Partie in Obregon gegen Roman Borvanov ein, wo ich schon Matchbälle hatte.

War das jenes Match, bei dem der Ball deines Gegners in der Nähe des Netzpfostens zu deinen Ungunsten abgelenkt worden ist? Im tennisweb.at-Forum ist die Meinung kursiert, dass das nicht legitim sei und du somit gewonnen hättest.
Das ist falsch gedeutet worden. Im Einzel ist die Singlestütze der Netzpfosten. Alles zwischen Singlestütze und Netzpfosten gehört da nicht mehr zum Netz. Der Ball ist aber leider knapp neben der Singlestütze gewesen, hat seine Richtung völlig geändert, und ist noch ins Feld gefallen. Das war ganz bitter. Ich hätte sonst schon viel früher mein erstes Viertelfinale erreicht.

Du hast ab Ende Juni acht Mal die Quali gemeistert, zumeist ganz souverän. Deine Hauptbewerbsergebnisse waren dann verhältnismäßig recht schwach, fünf Mal hat es dich auch gleich in der ersten Runde erwischt. Zufall?
Nicht unbedingt. In der Quali sind die Gegner natürlich nicht so stark. Aber im Hauptbewerb gibt es fast keinen mehr, den man im Vorbeigehen schlagen könnte, man muss wirklich gut in Form sein. Wahrscheinlich hab ich mir da zu viel Druck gemacht, begonnen herumzurechnen: "Das wär da wieder ein ATP-Punkt" und so weiter. Ich hab's zu wenig passieren lassen, mich nicht genug aufs Tennis konzentriert, und in den Matches nicht von Punkt zu Punkt geschaut. Darum hab ich gerade im Hauptbewerb oft nicht mein bestes Tennis gespielt.

Es gibt eine Parallele zu Andi Haider-Maurer: So wie er hast du bei ITF-Turnieren zahlreiche Spieler geschlagen, die im Herren-Ranking jetzt vor dir stehen, teilweise sogar schon unter den besten 400 sind. Beunruhigt dich das?
Nein, überhaupt nicht. Das waren teilweise auch Spieler wie ein Michail Zverev, die damals bereits um 500 bei den Herren gestanden sind und so nebenbei halt noch ein paar ITF-Turniere mitgenommen haben. Das Hauptaugenmerk von denen ist zu der Zeit schon ganz auf der Herren-Tour gelegen. Die haben mehr Erfahrung und sind körperlich weiter als ich – darum stehen sie jetzt wahrscheinlich auch noch vor mir. Letztendlich sollte man nur auf sich selbst schauen und nicht auf die anderen. Der eine schafft's halt früher nach oben, der andere später.

In welchen Bereichen hast du noch Aufholbedarf?
Vor allem im körperlichen Bereich.

Laut ITF-Website wiegst du nur 50 kg – stimmt das?
(Lachend) Nein, nicht mehr. Ich halte mittlerweile bei 61 Kilo und 1,80 Körpergröße. Das ist aber immer noch zu wenig. Ich muss noch ein bisschen zulegen, damit auch die Kraft zur Geltung kommt und ich härter schlagen kann.

Wo hast du dich schon verbessert?
Bei meinem ganzen Spiel hat sich einiges getan. Wir haben sehr daran gearbeitet, Stärken zu entwickeln, mit denen man zu Punkten kommt, dem Gegner weh tun kann. Und wir haben uns mit dem Spiel bei wichtigen Ständen befasst.

So wie Andi Haider-Maurer mit Mentaltraining?
Nein. Ich habe in der Südstadt noch nie mit einem Mentaltrainer zusammen gearbeitet.

Wäre das keine Option?
Interessant wäre es schon, es mal auszuprobieren. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass ich eine mentale Schwäche habe.

Auffallend ist ja auch deine Stärke im Doppel, wo du dich sogar um mehr als 700 Plätze gesteigert hast.
Ja, da ist es ziemlich gut gelaufen. Am Anfang des Jahres haben wir innerhalb der Truppe ein bisschen Doppelpartner getauscht, ansonsten habe ich dann immer mit dem Philipp (Oswald, Anm. der Redaktion) gespielt. Wir verstehen uns sehr gut, spielen schon seit unserer Jugend-Zeit miteinander und harmonieren natürlich bestens. Und wir ergänzen uns gut, er serviert zum Beispiel sehr stark.

Wird Fischer/Oswald das nächste Weltklasse-Doppel?
(Lachend) Schwer zu sagen ... wir probieren's natürlich. Es macht uns viel Spaß. Und es läuft auch nicht schlecht. Das Einzige, was bisher noch fehlt, ist ein Turniersieg.

Zweimal ward ihr in Mexiko ja am besten Weg dazu. Beide Male habt ihr im Semifinale absichtlich verloren, wie man hört.
Das ist richtig. Wir hätten sonst die Einzel-Quali des nächsten Turniers verpasst. Die Priorität liegt bei Philipp und mir nach wie vor auf dem Einzel.

Man ist meines Wissens durchs Regelwerk verpflichtet, am Platz sein Bestes zu geben. Ist das dann nicht etwas auffallend, wenn man zweimal hintereinander ins Semi kommt, um dort jeweils 0:6, 0:6 unterzugehen?
Wäre es vielleicht. Aber wir haben das schon im vorhinein mit dem Oberschiedsrichter abgesprochen. Die kennen unsere Situation, und für die können wir ja auch nix. Meist werden wir gebeten, nicht zu offensichtlich absichtlich zu verlieren. Es ist trotzdem beide Male 0:6, 0:6 ausgegangen, weil wir einfach keine Zeit hatten und schon zum nächsten Turnier weiter mussten. Solche Partien sind für einen natürlich völlig wertlos ...

... wohl im Gegensatz zu deinen Matches mit Thomas Weindorfer. Ihr habt ja im August einmal miteinander gedoppelt, weil Philipp in Rumänien gespielt hat. Wie war's?
Super. Es ist erstaunlich gut gegangen, wir haben ja immerhin das Finale erreicht. Es war sehr interessant zu sehen, wie der Coach so ein Match spielen würde, sonst wird man ja immer nur von außen gecoacht. Und sehr lustig hatten wir's auch, es war eine echte Gaude.

Gibt's da eine kleine Anekdote?
Ja, eine fällt mir da gerade ein. In einem der Matches ist der Coach vorne am Netz gestanden, während ich mir von der Grundlinie ein Longline-Duell geliefert habe. Die beiden Netzspieler sind sich also gegenüber gestanden. Ich hab dann den Versuch eines Cross-Lobs gestartet und dem Netzmann den Ball mehr oder weniger aufgelegt. Da hat der Coach einen ordentlichen drauf bekommen (lacht). Ich hab's lustiger gefunden als er (lacht). Zum Glück hat er sich gerade noch rechtzeitig weggedreht ...

... keine Verletzten also. Wie hält sich Thomas eigentlich fit? Er ist ja doch schon 36. Spielt er manchmal auch beim Training mit?
Von Zeit zu Zeit. Ansonsten geht er laufen oder spielt in der Südstadt mit uns Fußball.

Armin Sandbichler hat die Südstadt als die für ihn beste Lösung bezeichnet. Wie siehst du das?
Da geht es mir ähnlich. Für mich ist die Südstadt auch die beste Lösung. Wo sonst hat man in Österreich so ein Umfeld, und das alles an einem Ort? Es ist in Österreich sehr schwer, an solche Trainingspartner zu kommen. Gerade in Vorarlberg ist außer dem Philipp und mir nicht wirklich jemand Geeigneter da. Dort gibt's zwar gute Trainingsstätten für die Jungen wie etwa in der Dornbirner Messehalle, aber das war's auch schon. Die Jungen haben's natürlich etwas leichter, Trainingspartner zu finden.

Von vielen Leuten und früheren Südstädtern hört man, dass die Stimmung recht angespannt sein soll.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Wir haben mit dem Dorfer (Thomas Weindorfer, Anm. der Redaktion) einen Trainer, der immer wieder auch mal was Lockereres einstreut, Abwechslung ist gegeben. In unserer Gruppe kann von Angespanntheit absolut keine Rede sein, wir haben eine echte Gaude miteinander. Unter einem gewissen Leistungsdruck steht man natürlich, aber das ist normal, damit habe ich kein Problem.

Auch das Argument, dass zu wenig Wert auf Individualismus gelegt wird, war bereits zu hören.
Das stimmt zum Teil. Beim Tennistraining funktioniert alles recht gut, da haben wir, wenn wir zu viert sind, meist zwei Plätze zur Verfügung. Der Dorfer bemüht sich, mit einem einzeln an den Schwächen zu arbeiten. Im Kraftbereich hingegen ist es so, dass ein Armin Sandbichler, der körperlich um einiges weiter ist als ich, vielleicht ein anderes Programm als ich machen müsste. Aber diese Kritik haben wir jetzt geäußert.

Und hat's was gebracht?
Ja, wir versuchen es jetzt besser zu machen. Deshalb machen wir jetzt einen Krafttest bei Dr. Ernst Köppel in Graz. Nach dem werden dann individuelle Pläne für jeden von uns erstellt.

Gilbert Schaller ist seit 1. April ÖTV-Sportdirektor. Mit Stan Franker davor war man ja nicht wirklich glücklich. Was hat sich in der Ära Schaller für dich schon zum Positiven gewandt?
Das Wichtigste ist, dass der Sportdirektor nun vor Ort ist und nicht nur einmal in zwei Monaten vorbeischaut. Der Sportdirektor ist ständig da, jederzeit ansprechbar und offen, man kann zu ihm hingehen, wenn einem was auf dem Herzen liegt. Er ist eine sehr bedeutende Kontrollinstanz. Auch für die Trainer ist es wichtig, einen zu haben, der ihnen das Gefühl gibt "der hilft mir, wenn ich was brauche" – und nicht einen zu haben, der nur vorbeischaut, um zu kontrollieren, ob eh alles klappt.

Siehst du selbst deinen Platz in der Südstadt nach 2005 gefestigt?
Es hat ursprünglich geheißen, dass nicht alle bleiben können. Das wurde dann im Sommer revidiert, jetzt haben wir alle einen vertraglich gesicherten Fixplatz bis September 2006.

Und was passiert dann?
Das ist alles noch unklar. Wir wissen auch noch nicht, ob die Gruppe dann in dieser Form weiter bestehen wird oder ob und wieviele Leute gehen müssen. Wie's weiter geht, liegt jedenfalls mehr am ÖTV als an uns.

Kommen wir abschließend kurz auf 2006 zu sprechen: Wie hat denn der Aufbau ausgesehen?
Da wir bis Mitte November Turniere gespielt haben, ist der Aufbau eigentlich noch nicht ganz fertig. Wir hatten zuerst mal zwei Wochen frei, Anfang Dezember haben wir dann mit Krafttraining begonnen und uns wieder eine Grundlagenausdauer zugelegt. Und beim Tennis nützen wir natürlich die Zeit, um ein paar Sachen zu verbessern, das geht sich unter der Saison meist nicht so gut aus.

Wann geht's wieder mit den Turnieren los?
Mitte Jänner starten wir alle in Bergheim. Danach gibt's noch einmal eine kurze Aufbauphase, ehe die Saison so richtig beginnt.

Was nimmst du dir für 2006 vor?
Richtiges Ziel hab ich mir keines vorgenommen. Wichtig ist, dass es kontinuierlich nach oben geht. Ich würde aber nie sagen "ich möchte dort und dort hin, und wenn ich es nicht schaffe, dann hör ich auf." Wenn man immer sein Bestes gibt, dann passt das schon – wofür's reicht, werden wir noch sehen.

Und was ist langfristig möglich?
Die Top 100 sind mein Ziel.

Der direkte Link zur Activity von Martin Fischer.

Interview: Manuel Wachta




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