"Ich hab schon überlegt aufzuhören"

Jahresbilanzen 2005 - Teil 36: Christian Magg über Roger Federer, Daniel Köllerer, eine ausgepowerte Saison 2005 und neue Impulse für 2006.

Christian, du wirst im März 25 Jahre alt, stehst aktuell auf Rang 646. Kann man damit zufrieden sein?
Alles in allem sicher nicht. Die erste Hälfte des Jahres war allerdings nicht schlecht – angefangen mit einem Semi bei den Österreich-Futures und nachher einem sechsten Platz beim Kroatien-Satellite.

Und die zweite Hälfte?
Da ist dann gar nichts mehr gegangen. Ich habe einerseits im Sommer relativ viele Turniere gespielt, dazu ist die Meisterschaft gekommen. Und trainiert habe ich wie ein Verrückter, einfach viel zu viel. Mit der Zeit bin ich immer müder geworden, am Schluss war ich richtig ausgebrannt. Der Höhepunkt waren dann die Venezuela-Futures im Oktober – da hab ich gar nix mehr reingespielt. Das ging so weit, dass ich sogar schon überlegt habe aufzuhören.

Und was hat dich davon abgehalten?
Ich weiß, dass ich’s drauf habe. Würde ich mit Sicherheit wissen, dass ich nicht mehr weiter nach vorne kommen kann, würde ich meine internationale Karriere beenden. Aber so ist es nicht.

Wie sollÂ’s also weitergehen?
Der erste Punkt war schon, dass ich vor zwei Monaten meinen Schläger gewechselt habe – ich spiel’ jetzt einen Prince O3. Ich kann dadurch viel aggressiver spielen, kann höheres Tempo gehen. Und das Service funktioniert auch viel besser.

Was willst du noch verändern?
Ich werde die Saison behutsamer angehen: Einen besseren Turnierplan erstellen, wo dazwischen Zeit ist, ein bisschen trainieren und Kraft schöpfen. Man muss lernen, nicht immer nur auf die Punkte zu schauen, so wie ich’s heuer getan habe.

Angenommen, diese Vorsätze klappen und du kannst dein Potenzial 2006 optimal abrufen – wie weit kommst du dann nach vorne?
Mein Ziel sind die Top 300. Die wären sich heuer mit einer normalen Saison auch ausgegangen.

Und das probierst du weiterhin auf Future-Ebene?
Am Anfang sicher. Aber ich versuche, so schnell wie möglich auf Challenger zu wechseln, da komm ich mit meinem Ranking sicher in die eine oder andere Qualifikation hinein.

Wer hilft dir bei deinem Saisonaufbau, wo trainierst du zur Zeit?
Ich spiele beim WTV mit einer großen Gruppe an sehr guten Spielern: Georg Novak, Markus Krenn, Bertram Steinberger – aber auch Werner Eschauer war heuer schon da. Und Herbert Wiltschnig, aber der ist jetzt wieder nach Kärnten gegangen.

Welche Schwerpunkte setzt du? An welchen Aspekten arbeitest du?
Hauptsächlich Kraft und Schnellkraft. Die braucht man in einer langen Saison ganz einfach. Da passieren solche Einbrüche wie heuer nicht mehr.

Wie sieht es mit der nationalen Tour aus? Wirst du auch dort wieder aktiv werden?
Geld kann man dort zwar nicht wahnsinnig viel gewinnen, aber ich werd sicher weiterhin das eine oder andere nationale Turnier einstreuen. Denn gute Matches kriegt man dann dort auch, jetzt wo auch der Daniel Köllerer zum Beispiel ab und zu national spielt.

Soll’s nächstes Jahr auch wieder mit einem Titel klappen? Denn heuer bist du ja dreimal erst im Finale gescheitert.
Das ist eigentlich nicht besonders wichtig. Mein Hauptaugenmerk liegt auf der internationalen Tour. National kann ich später auch noch spielen, wenn ich merke, es geht international nicht mehr.

Weil du das Geld angesprochen hast: Wie ist es dir heuer ergangen?
Plus hab ich keins gemacht – im Gegenteil. Es fällt halt leider jede Menge an. Mir helfen glücklicherweise meine Eltern sehr, und auch in der Meisterschaft verdient man ein bisschen was.

Wo wirst du nächstes Jahr überall spielen?
Ich habe einen Vertrag mit Rot-weiß Berlin in Deutschland, und zusätzlich spiel ich noch in Slowenien und Österreich. Aber da weiß ich noch nicht wo, denn in Österreich ist es derzeit extrem schwierig, einen Platz zu bekommen. Leider geht’s den Vereinen finanziell auch nicht mehr so gut.

Ganz anderes Thema: Du bist im Moment ÖTV-Nummer 18 in der Entry List – wie würdest du dich einstufen mit Leuten, die da ganz vorne stehen? Mit einem Daniel Köllerer zum Beispiel, den du vorher schon genannt hast …
Mit dem Daniel hab ich beim WTV schon Sparring gespielt, damals warÂ’s durchaus ausgeglichen. Also so viel besser ist der auch nicht.

Wieso steht er dann unter den Top 150 und du auf über 600 – was ist der Unterschied?
Der Daniel gibt in jedem Spiel 100 Prozent, gibt keinen Ball verloren. Das ist seine große Stärke. Dazu hat er in Südamerika anscheinend sensationell gespielt.

Ich habe diese Frage jetzt schon öfter in anderen Bilanzen in ähnlicher Form gestellt, und es kommt immer etwa dieselbe Antwort. Da denke ich mir: Es hört sich fast nach einer Ausrede an. Sollte man als Sportler nicht immer zu 100 Prozent motiviert sein?
Klar sollte man das. Aber es gibt einfach Phasen während einer Saison, da ist man mental einfach leer, da geht nichts mehr.

Wie kann man das beheben? Kann man das trainieren?
Man könnte sich natürlich einen Mentaltrainer nehmen, aber das muss man sich mal leisten können. Und noch dazu ist diese Arbeit auch schwerer, als man sich das vorstellt. Lustig ist das grad am Anfang nicht.

Themenwechsel zum Abschluss: Viele Tennisspieler beginnen ihre Karriere mit dem Ziel, einmal Nummer eins zu werden. Hast du dieses Ziel auch, oder hast duÂ’s mal gehabt?
Sicher träumt man von der Nummer eins, wenn man klein ist. Aber das relativiert sich im Laufe einer Karriere schon ein bisschen. Top 100 sind realistisch, aber die Nummer eins … Denn wie viele Leute waren denn schon die Nummer eins der Welt – das waren lauter Ausnahmekönner. Ein Federer zum Beispiel, der hat einfach das gewisse Etwas, das man sich nicht antrainieren kann.

Der direkte Link zur Activity von Christian Magg.

Interview: Andi Pernsteiner




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