... wenn Tennis zum Himmel stinkt

Jahresbilanzen 2005 - Teil 35: Philipp Oswald erzählt über interessante Platzbeläge, das Training in der Südstadt und was ihm auf "Crazy Däni" noch fehlt.

Philipp, du bist heuer auf die internationale Herren-Tour eingestiegen – und das gleich mit 28 Turnieren. Bist du mit ATP-Platz 863 zufrieden?
Nein, eigentlich nicht. Ich wollte zwischen 500 und 600 stehen. Ich hatte es auch oft in der Hand, hab es aber nie geschafft, fette Punkte zu machen.

Fünf Future-Viertelfinali sind aber fürs erste Jahr alles andere als schlecht. Warum hat’s eigentlich mit einem Semifinale noch nicht geklappt?
Gegen Eitzinger im April in Sri Lanka und gegen Korolev im Juli in Kramsach hätte ich unglaublich spielen müssen, um eine Chance zu haben. Die zwei stehen einfach eine Stufe höher. In München im August hab ich gegen den Deutschen Abel schon mit einem Satz, in Caracas im Oktober gegen Fabrice Martin mit einem Break vor im dritten Satz geführt.

Â… und Anfang November hat dir Trainingskollege Martin Fischer das erste Semifinale vermasselt.
Die Partien gegen Martin sind sowieso ein eigenes Thema.

Da geht's ums Prestige?
Ein richtiges Prestigeduell. Wir kommen beide aus Vorarlberg, sind miteinander aufgewachsen und die besten Freunde. Dazu kommt, dass das Interesse der Vorarlberger Medien bei solchen Spielen doch etwas größer ist. Das erzeugt zusätzlich Druck, mit dem Martin anscheinend besser umgehen kann.

Gemeinsam mit Fischer, Armin Sandbichler und Christoph Steiner trainierst du bei Thomas Weindorfer in der Südstadt. Wie geht’s dir dort?
Sehr gut, ich fühl mich dort echt wohl. Unglaublich ist der Dorfer (Thomas Weindorfer, Anm.), der ist mit vollem Einsatz dabei. Umfeld und Möglichkeiten sind einfach spitze. Wir haben Sauna, Massage- und Fitnessraum und super Trainingsbedingungen. Erst vor Kurzem hab ich mit Stefan Koubek, Jürgen Melzer und Julian Knowle trainieren können – das motiviert unglaublich.

Das gesamte Weindorfer-Quartett hat sich heuer stark verbessert. Glück? Gruppendynamik? Oder Weindorfers gute Arbeit?
Von allem etwas. Vor allem die Gruppendynamik, glaube ich. Wenn einer nur ein bisschen besser als die Anderen ist, zieht er die mit. So steigert man sich weiter und weiter – bei Muster, Skoff und Antonitsch war genau das die Philosophie von Stan Franker, und damals hat das unglaublich gut gepasst. Der Dorfer will jetzt bei uns etwas Ähnliches aufziehen, er versucht, die Rivalität zu fördern und uns gegenseitig zu immer mehr Leistung anzustacheln.

Bei Muster, Skoff und Antonitsch hat diese interne Rivaltität, sagen wir’s so, nicht zu einer besonders innigen Freundschaft geführt. Wie wirkt sich die bei euch aus?
Rivalitäten gibt’s natürlich schon – aber nur auf sportlicher Basis. Sonst verstehen wir uns unglaublich gut, machen alles miteinander. Wir spielen viel Snooker, gehen ins Kino und manchmal auch ein wenig aus.

Wer von euch vier hat am meisten Potenzial?
Da da kann man niemanden herausheben. Im Training ist Martin Fischer immer besonders stark. Wenn wir aber untereinander spielen, gewinnt einmal der, einmal der Andere.

Christoph Steiner hat am Saisonende mit dem Sieg gegen den Top-120-Spieler Mazarakis für eine echte Sensation gesorgt. Was war denn da los?
Ich hab das Spiel hellbegeistert auf der Tribüne gesehen. Der Christoph ist, wenn die Form passt und er es mental durchzieht, unglaublich gefährlich. Mazarakis hat zwar sehr stark angefangen, dann war Christoph aber sensationell. Und der Grieche ist einfach weggebrochen.

Philipp, du bist mit über 1,90 Meter das „größte“ Talent im ÖTV, spielst auch entsprechend viel über den Aufschlag. Das sollte dich eigentlich für schnelle Böden prädestinieren?
Grundsätzlich bin ich schon ein Hartplatzspieler. Mir taugt’s, wenn die Bälle hoch und schnell abspringen, das heißt, dass ich auch in Kitzbühel zum Beispiel sehr gerne spiele.

Und wie schaut es mit Wimbledon aus? Das sollte dir ja besonders liegen.
Bei den Junioren hab ich dort mal auf Rasen gespielt. Das war aber gar nicht meines, die Bälle sind langsam und recht flach abgesprungen. Seit drei, vier Jahren pflanzen die dort einen neuen, viel dichteren Rasen an, der dem Spiel ziemlich das Tempo nimmt.

Wie Steiner Mazarakis hast auch du mit Daniel Köllerer einen Top-Spieler heuer ziemlich geärgert. Zum Auftakt der Staatsmeisterschaften hast du eine sehr enge Partie in drei Sätzen verloren. Wie knapp seid ihr an Spielern wie Mazarakis oder Köllerer wirklich schon dran?
Ich weiß es nur vom Match gegen Köllerer, das war eine ganz hässliche Partie. Daniel ist schon zwei bis drei Klassen über mir zu sehen, ich war aber knapp davor, ihn zu schlagen. Wenn wie an diesem Tag meine Vorhand und mein Service kommen, dann kann ich Spieler wie ihn schon mehr als ärgern.

Angeblich konntest du den Bad Boy auch ziemlich aus der Ruhe bringen. StimmtÂ’s, dass er nach dem Spiel den Handshake verweigert hat?
Ja, er war ziemlich von der Rolle. Zu Beginn der Partie stand das Publikum noch auf Dänis Seite, er hat es sich aber mit den Zuschauern verscherzt. Er war dann ziemlich außer sich. Im dritten Satz hat er sogar einen Gameabzug kassiert, gegen eine Disqualifikation war er aber als Nummer eins quasi geschützt. Es hatte sich angeblich auch der ORF angemeldet, somit war der Veranstalter ein bisschen unter Druck, seine Topleute im Turnier zu halten.

Ärgern kannst du ihn schon. Aber was fehlt dir, um Spieler wie Köllerer auch schlagen zu können?
Mentale Stärke und Kompromisslosigkeit. Vor allem bei Netzattacken ist es oft so, dass ich den Schwanz einziehe und einfach nicht konsequent nachgehe. Auch die Konstanz ist ein eigenes Thema. Der Steiner und der Fischer haben im Prinzip keine Schwäche, die spielen immer ihr Level. Bei mir ist vor allem die Rückhand schon oft ein heikler Punkt.

Knowle, Meusburger, Paszek, Weirather, jetzt Fischer und du – das kann kein Zufall sein, dass gerade Vorarlberg so viele gute Spieler hervor bringt. Was hat das Ländle, was andere nicht haben?
Erstens sehr gute Leute im Kader, zweitens mit Dornbirn ein einziges, schnell erreichbares Zentrum und drittens sehr große finanzielle Unterstützung. Mehr als 50 Prozent vom Leistungstraining finanziert der Verband, es kann sich also fast jeder den Sport leisten.

Dein erstes Jahr bei den Herren hat dich unter anderem nach Mexiko, Sri Lanka, Rumänien, Venezuela und Indien geführt. Macht’s Spaß?
Ja, in unserer Gruppe auf jeden Fall. Besonders der Dorfer ist lustig, der hat immer die Klappe offen. Auch wenn wir oft nicht viel Zeit haben, uns wirklich etwas anzuschauen, sind die Reisen doch ein kleiner Bubentraum, der sich erfüllt hat.

Was war die lustigste Geschichte, die du heuer erlebt hast?
In Venezuela ist was Komisches passiert. Als wir in Caracas gelandet sind, sind der Dorfer und ich zum erstbesten Bankomaten hin. Der war aber nur auf Spanisch beschrieben, wir haben also nicht gecheckt, wie der funktioniert. Wir haben ein bisschen herumprobiert, auf einmal hat es die Karte vom Dorfer eingezogen! Der ist rund um die geschlossene Bank gehüpft, hat geklopft, um zu schauen, ob jemand da ist. Auf einmal kommt ein Polizist aus dem Nichts – und hält dem Dorfer die Waffe an die Schläfe. Der hat dem Polizisten die Situation Gott sei Dank irgendwie erklären können und hat dann auch seine Karte wieder gekriegt. Aber die Geschichte war noch gar nicht vorbei: Es ist gleich darauf ein anderer Typ gekommen, total hilfsbereit, wollte uns erklären, wie das mit dem Geldabheben funktioniert. Zuerst hat er es mit seiner Karte vorgemacht und ein bisschen was abgehoben. Als ich es nachmachen wollte, hat’s wieder nicht funktioniert. Dann hat es der Typ noch einmal mit meiner Karte probiert, meinen Code eingegeben und den Maximalbetrag abgehoben, ungefähr 80 Euro. Ich immer noch voll freundlich. Aber plötzlich schnappt er sich das Geld ... und haut ab.

Gibt’s ein Land, in das du nicht mehr so gern fahren möchtest?
Echt zäh war Indien. In Chennai haben wir auf getrockneter Kuhscheiße gespielt, unglaublich. Gestunken hat es dort, das war legendär!

Laut ATP hast du heuer 4.331 Euro an Preisgeld erspielt. Wieviel hat dich die abgelaufene Saison zirka gekostet?
Mindestens 15.000 Euro, würde ich sagen. Die meisten holen das irgendwie durch die Liga wieder rein, spielen in zwei oder manchmal drei Ländern Meisterschaft. Ich bin aber nur bei Superliga-Aufsteiger TC Altenstadt aktiv, konzentriere mich sonst ganz auf die Turniere. Mein Sponsor Rauch hilft mir sehr. Und natürlich, dass wir für die Betreuung durch Thomas Weindorfer nichts zahlen müssen. Auch meine Familie, sprich Eltern, Großeltern und Tante, greift mir finanziell kräftig unter die Arme.

Was nimmst du dir für 2006 vor? Wo möchtest du dann stehen?
Ich möchte in die Region zwischen 400 und 500. Auch ein Future-Sieg sollte auf jeden Fall drinnen sein. Spätestens im Juli möchte ich bei Challengers voll einsteigen.

Der direkte Link zur Activity von Philipp Oswald.

Interview: Michael Kirner




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