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"Es wäre mehr drinnen gewesen"
Jahresbilanzen 2005 - Teil 34: Andi Haider-Maurer über seinen Abgang aus der Südstadt, sein neues Umfeld und eine Saison mit viel Licht und etwas Schatten.±

Andi, du hast Ende Jänner die Südstadt gegen Ruslan Rainov und Milen Velev getauscht – die richtige Entscheidung?
Auf jeden Fall. Es hat in der Südstadt menschlich nicht mehr gepasst.
Was denn konkret?
Ich hab mit Thomas Strengberger trainiert, und am Ende hat's da zwischenmenschlich nicht mehr funktioniert. Da gab's ein paar private Probleme, und auch die Betreuung bei den Turnieren war nicht ideal. Wir haben uns dann ausgeredet und beschlossen, getrennte Wege zu gehen.
Jetzt sind die Rahmenbedingungen besser?
Ich habe momentan das optimale Umfeld – von Management über Trainer, alles passt.
Wie sieht denn das Training mit Rainov und Velev beim TC Marco Polo in Wien aus?
Es ist perfekt. Die gehen super auf einen Spieler ein, beschäftigen sich sehr mit einem, begleiten mich zu den Turnieren. Auch die Matchvorbereitung ist wesentlich besser. Ich merke, wie alle an einem Strang ziehen und fühle mich richtig wohl.
Was von vielen Südstadt-Schützlingen als großer Vorteil beurteilt wird, ist das große Angebot an Top-Trainingspartnern. Wer steht denn dir zum Sparring zur Verfügung?
Manchmal spiele ich in der Gruppe von Wolfgang Schranz oder Martin Spöttl auf der WTV-Anlage mit. Aber hauptsächlich trainiere ich derzeit mit meinem Bruder Mario. Das taugt mir. Er ist total motiviert bei der Sache, setzt sich voll ein.
Das nenne ich brüderliche Hilfe ...
Kann man so sagen. Er unterstützt mich wirklich sehr und betreut mich auch ein bisschen.
Kommen wir auf die abgelaufene Saison zu sprechen. Du hast wegen einer Verletzung erst Ende März dein erstes Turnier bestritten. Was war genau los? Ist alles wieder im Lot?
Ich hatte Probleme mit der Patellasehne, aber das ist jetzt alles wieder in Ordnung.
Die Probleme haben dich nicht davon abgehalten, gleich dein zweites Saisonturnier zu gewinnen und in der Folge einen beeindruckenden Lauf hinzulegen.
Stimmt. Es ist richtig gut gegangen. Ich hab super gespielt, oft gute Nerven bewiesen und die knappen Matches für mich entschieden.
Zum Beispiel?
Beim Kategorie-1-Turnier in Nagoya hab ich im Viertelfinale gegen Andrew Coelho fünf Matchbälle abgewehrt – am Ende hat es 2:6, 7:6, 7:6 für mich geheißen.
... und du hast dann sogar das Turnier gewonnen. Die Partie scheint den Turbo zugeschaltet zu haben.
Es ist ab diesem Moment so richtig dahin gegangen. Ich hab viele starke Leute geschlagen, beim Kategorie-2-Turnier in Prato das Finale und beim A-Event in Mailand das Semi erreicht ...
... und damit rasch den Sprung in die Top 10 geschafft. Warum hast du dann ab Wimbledon Ende Juni nicht einmal mehr die Junioren Grand Slams bestritten?
Ich habe gewusst, dass es ganz schwer werden würde, mehr als Platz neun zu erreichen. Da müsste ich dann schon Grand Slams gewinnen. Ich wollte mich lieber auf die Herren-Tour konzentrieren.
Du bist seit Längerem der erste Österreicher, der es geschafft hat, unter die Top Ten der Junioren-Weltrangliste zu kommen. Ist das für dich eine Motivation oder zusätzlicher Druck?
Das motiviert mich total. Es war die ganze Zeit mein großes Ziel, die Top Ten zu erreichen. Es freut mich sehr, dass mir das mit Platz neun gelungen ist.
Was hat dir deine erfolgreiche Junioren-Laufbahn für die Zukunft gebracht?
Ich habe viele wichtige Erfahrungen gesammelt. Und meine Erfolge haben gute Sponsoren wie Adidas, Fischer und Kirschbaum angezogen. Aber ohne meinem großartigen Management unter Bernd Haberleitner wäre vieles nicht möglich gewesen.
Woher kommt es eigentlich, dass dich manche als den zweiten Thomas Muster bezeichnen?
Ich glaube, aus meiner Zeit in der Südstadt.
Ist da was dran?
Mit Muster verglichen zu werden, ist immer super. Er war ein Fitnesswunder, ein Kämpfer und Trainierer. Aber ich bin ein ganz anderer Typ und vom Spiel her wesentlich offensiver ausgerichtet. Und mir fehlt natürlich noch sehr viel zu seinen Erfolgen.
Deine Erfolge feierst du ja seit Anfang Juli nur noch bei den Herren, du hast die ITF-Tour gänzlich hinter dir gelassen. Du bist aktuell Nummer 934 der Welt - bist du mit dem bei den Profis bisher Erreichten zufrieden?
Eigentlich schon. Ich habe vor 2005 erst bei zwei Herren-Turnieren teilgenommen, mein Ziel war daher ein guter Einstieg. Das ist mir gelungen, zehn ATP-Punkte sind in Ordnung.
Die Hälfte der Punkte hast du beim Graz-Challenger gemacht. Hast du damit gerechnet, Spieler wie Andrea Stoppini bereits schlagen zu können? Zum Zeitpunkt des Matches war der immerhin Nummer 252 der Welt.
Ich habe gewusst, dass ich mit denen voll mitspielen kann, wenn es vom Kopf und spielerisch passt. Ich weiß, dass ich es drauf habe. Mir ist es im Sommer überhaupt sehr gut ergangen.
Gegen den Finalisten Roko Karanusic hat im Achtelfinale auch nicht viel gefehlt ...
Das war sehr ärgerlich. Ich hatte schon Breakbälle zu Beginn des dritten Satzes. Ich glaube, die Partie wäre dann sehr schnell vorbei gewesen, aber ich hab die Chancen leider nicht verwertet. Hätte ich den Karanusic geschlagen, wäre ich für die ganzen Future-Hauptbewerbe direkt qualifiziert gewesen, dann hätte vieles anders ausgeschaut. Es wäre heuer viel mehr drinnen gewesen.
Nach Graz gab's einen Knacks: nach einer zweiten Runde in Ekuador bist du acht Futures in Serie ohne Punktegewinn geblieben. Wie ist das zu erklären?
Das hat mehrere Gründe. Die Turniere sind gegen Jahresende immer sehr stark besetzt. Bis auf ein Mal hab ich stets in die Quali müssen, fünf Mal hab ich die geschafft. Ich bin leider dann sehr häufig gesetzten Spielern zugelost worden. Mit denen hab ich zwar mitgehalten, es hat aber nie zum Sieg gereicht.
Es war allerdings auch die eine oder andere überwindbare Hürde dabei. Hat es an der Konstanz gefehlt?
Definitiv. Ich habe oft zwei Partien gut gespielt, dann eine schlechte, und die habe ich gleich verloren. Im Gegensatz zu davor habe ich auch etliche enge Matches nicht gewonnen. Das spielt sich bei mir alles im mentalen Bereich ab.
Wie groß ist der Unterschied zwischen der ITF- und der Erwachsenen-Tour? Hast du den zu spüren bekommen?
Irgendwie schon. Der Unterschied ist eklatant. Bei den Jugendlichen sind die ersten 20 der Weltrangliste sehr gut. Gegen Gegner außerhalb der Top 20 habe ich oft nicht mal toll spielen müssen, um zu gewinnen. Bei den Herren ist die Dichte viel größer, da kann jeder Gegner schwer zu schlagen sein – egal ob's ein Qualifikant oder Wildcardspieler oder die Nummer eins des Turniers ist. Ich hab im Herbst in Tunesien und Ekuador gesehen, was für starke Gegner es gibt. Da muss man eine konstant gute Leistung bringen, wenn man gewinnen will.
Was sind außerdem die größten Schwierigkeiten beim Umstieg?
Dass es bei den Herren so viele unterschiedliche Spielertypen gibt. Das ist bei den Jugendlichen noch nicht so sehr der Fall. Und da ich noch recht unerfahren auf der Profi-Tour bin, kenne ich noch nicht allzu viele Spieler und weiß nicht immer, was auf mich in einem Match zukommt.
Du hast heuer auf der ITF-Tour Top-Leute wie Pavel Chekhov, Piero Luisi, Leonardo Mayer, Vivek Shokeen, Andrew Coelho und im Vorjahr Robin Haase und Philip Bester geschlagen. Alle haben so wie du im Lauf des Jahres fast gänzlich zu den Profis gewechselt und stehen jetzt im ATP-Ranking vor dir, teilweise bereits mehrere hundert Plätze. Warum ist denen der Umstieg leichter gefallen?
Die haben da mehr Erfahrung – und das macht einen Unterschied. Der Mayer hat zum Beispiel schon überall gespielt, auch bei mehreren Challengern, und hat eine unglaubliche Konstanz entwickelt. Der hat fast keinen schlechten Tag mehr, das fehlt mir noch. Und der Luisi hat in seiner Heimat Ekuador viele Wildcards bekommen und ist dort weit gekommen – auch weil die Futures dort schwächer besetzt sind.
Woran musst du noch arbeiten, um dort hin zu kommen?
Ich habe im Herbst mehrere Partien im Kopf verspielt, mental war ich nicht auf der Höhe, wie vorhin gesagt. Ich nehme jetzt seit vier Monaten Mentaltrainings-Einheiten bei Dr. Rudolf Haberleitner, seit einem Monat intensiv. Und ich hab schon in der kurzen Zeit gemerkt, dass da was weiter geht. Ich mache große Fortschritte.
Wie haben sich die mentalen Probleme konkret bemerkbar gemacht?
Ich bin ein Spieler, der sehr stark serviert und wenige Breaks bekommt. Oft ist es aber so gewesen, dass ich in einem Satz bis 4:4 locker durchserviert habe, und dann kommt plötzlich das Break, meist gleich glatt zu 15.
Was sind deine Ziele für die neue Saison?
Ich nehme mir kein konkretes Ranking vor. Aber ich weiß, dass ich weit nach vorne kommen kann, wenn ich gut spiele. Ich möchte im ersten Halbjahr möglichst schnell zu Punkten kommen, um bei den Futures direkt im Hauptbewerb zu stehen und um in die Challenger-Qualis reinzukommen. Und ein Turniersieg wäre natürlich auch schön.
Wie weit kannst du langfristig gesehen kommen?
Ich glaube, dass mit hartem Training die Top 30 machbar sind.
Der direkte Link zur Activity von Andreas Haider-Maurer.
Interview: Manuel Wachta
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