Der Vollprofi mit dem netten Plus

Jahresbilanzen 2005 - Teil 32: Tommy Schiessling ist einer von acht Österreichern, die nur von ihren Einnahmen als Tennisprofi leben können.

Tommy, alles klar bei dir?
Ja, passt eigentlich alles, bis auf meine Schulter. Die ist aber schon sehr lange sehr schlecht.

Wie lange wie schlecht?
Es ist scheinbar irgendwas mit der Bizeps-Sehne. Da ist sich keiner so ganz sicher. Wenn's akut ist, dann hab ich Schmerzen bei der Rückhand und beim Aufschlag. Das Schlimme ist, dass es auch nicht weg geht, wenn ich mal zwei Wochen gar nichts mache. Also eine reine Überlastung ist das nicht, es hält ja jetzt schon acht Monate lang an.

Acht Monate ... wie hast du die Saison durchgestanden?
Es gibt eine Behandlungsart, die mir gut hilft, Traktionen nennt sich das. Das hab ich zwischen den Turnieren mit meinem Therapeuten machen müssen. Hin und wieder auch während einem Turnier. Die Schmerzen lassen dann für einige Tage nach.

Jedes Mal, wenn wir ein Interview machen, hast du mit irgendeiner Verletzung zu kämpfen. Wie geht's eigentlich dem lädierten Knie?
Naja, dem Knie ging's 2005 ja endlich richtig gut. Zwischenzeitlich im Sommer war das Ganze mal nicht mehr so gut, da hatte ich einen Rückfall von den seinerzeitigen chronischen Beschwerden. Das ist aber mittlerweile wieder Schnee von gestern. Da passt wieder alles.

Mit dem Knie hattest du ja seit Jahren Probleme. Letztlich konntest du ja deshalb nie eine klassische ATP-Karriere starten. Zuletzt hattest du die Schmerzen ja längste Zeit mit homöopathischen Mitteln gut im Griff. Wieso der Rückfall?
Nach meinem Bauchmuskelfaserriss bei den Staatsmeisterschaften musste ich fünf Wochen pausieren. Als ich dann wieder anfing, hatte ich wieder Schmerzen im Knie. Ich ließ mich dann im Zuge der homöopathischen Spritzen-Kur in den Bauch auch gleich im Knie wieder spritzen, hatte aber komischerweise ein paar Wochen lang keinen gewohnten Erfolg mehr damit.

Wie sind die Schmerzen dann weg gegangen?
Ganz alleine. Aber dann kam wieder was anderes. Vor zehn Wochen wurde bei mir ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert.

Ist da an professionelles Tennis überhaupt noch zu denken?
Ja, das schon, auf jeden Fall. Ein Carlos Costa hatte auch einen Bandscheibenvorfall und hat sich trotzdem jahrelang in den Top 20 gehalten. Es gibt ja verschiedene Arten von Bandscheibenvorfällen.

Was für eine Art ist das bei dir?
Ich hab ihn zwischen dem L5 und dem S1, also im unteren Rückenbereich. Bei mir drückt noch nichts auf den Nerv oder so. Vor zwei Monaten hab ich mich mal während einem Sprinttraining am Platz heftiger verrissen. Ich konnte ein paar Tage gar nicht mehr ordentlich gehen, konnte nichts mehr machen. Dann haben die den Vorfall diagnostiziert. Ich hab aber schon seit Jahren Probleme und auch eine so genannte Protrusion, sozusagen eine Vorstufe zu einem Vorfall, genau genommen eine Vorwölbung.

Was Bedeutet der Bandscheibenvorfall für dich?
Das ganze kommt für mich jetzt nicht so unerwartet. Jetzt darf ich halt keine allzu schweren Sachen mehr heben und muss auch aufpassen, gewisse extreme Bewegungen nicht mehr zu machen. Klar macht der Rücken immer wieder mal “zu” während der Saison, aber mit meinen täglichen Übungen hab ich das Ganze bis jetzt sehr gut im Griff. Ich will auch betonen, dass ich alles voll trainieren kann und seit Wochen jetzt praktisch keine Probleme mehr habe.

Du hast gemeint, vor zehn Wochen wurde der Bandscheibenvorfall diagnostiziert, du konntest ein paar Tage nicht mehr richtig gehen. Wie hast du dann die Liga in Italien gespielt? Die hat ja kurz danach begonnen ...
Das darf man eigentlich keinem erzählen. Ich hab acht Tage vor dem ersten Match in Italien nicht gerade gehen können, da war das Ganze so akut. Ich hab Thermosalben geschmiert und Voltaren genommen und gehofft, dass mein erster Gegner kein allzu guter ist.

Und so war's dann auch, wie du in deinem Tagebuch geschrieben hast. Eine 7:0-Bilanz in der italienischen Liga kann sich sehen lassen.
Mit meinem ersten Gegner hatte ich wirklich Glück, der war blind, da musste ich nicht viel machen. Dass es so gut rennt und ich alle Matches in Italien gewinne, hätte ich mir aber vorher nicht gedacht. Ist ja immerhin die erste Liga dort. Mit der Liga in Italien ist es auch finanziell noch eine ganz gute Saison geworden.

Es ist auch in Österreich gut gelaufen: eine 7:0-Bilanz in der Staatsliga auf Position eins, eine 28:2-Siegbilanz bei ÖTV-Turnieren, wobei du vier von deinen sechs österreichischen Turnieren gewonnen hast.
Ich muss mit der Saison zufrieden sein. Ich hab insgesamt elf Preisgeldturniere europaweit gespielt, dabei bin ich nur einmal im Semifinale ausgeschieden, sonst hab ich immer zumindest das Finale erreicht. Sieben von den elf Turnieren hab ich überhaupt gewonnen. Das ist ne richtig gute Quote in meinen Augen. Was will ich mehr?

ATP-Punkte zum Beispiel. Letztes Jahr hast du gemeint, du willst 40 Punkte in vier Monaten holen. Ist das kein Thema mehr?
Nein. In Bergamo hab ich mir geschworen, diesen Fehler nicht noch einmal zu machen.

Fehler?
Ich war dieses Jahr am Anfang ja wieder motiviert für Futures, einfach weil ich gutes Tennis gespielt hab Ende 2004. Dann fahr ich zum Future nach Bergamo. Dort wird mir gesagt, dass der so unmenschlich stark besetzt ist, dass ich vielleicht gar nicht mehr in die Qualifikation rein komm. Außerdem erzählt mir einer nebenbei, dass in Aschaffenburg eines der größten Preisgeldturniere Bayerns ist – darauf hatte ich ganz vergessen. Letztendlich hab ich vor Ort gehofft, dass ich nicht rein komm, damit ich noch nach Aschaffenburg fahren kann. Aber ich bin vom Ranking als letzter oder vorletzter Spieler drinnen gewesen. Ich stell mich also rein, und ein Teil von mir hofft, dass ich verliere. So kannst natürlich auf Future-Ebene kein Match gewinnen gegen gute Leute. Das Ganze hat mich so geärgert. Ich hab mich gefragt, was ich da mache: Ich bin in Bergamo, geb viel Geld für ein Drecks-Hotel dort aus, wo doch in Aschaffenburg 2000 Euro warten.

Du hast dann in Bergamo in drei Sätzen verloren ...
... und danach bin ich nach Aschaffenburg gefahren und hab dort das Turnier gewonnen. So wie Ismaning und Hofkirchen, zwei weitere der drei großen bayrischen Preisgeldturniere in Folge.

Was hat finanziell dort rausgeschaut?
Naja, circa 7000 Euro insgesamt bei allen drei Turnieren. Wobei man sagen muss, dass das brutto ist. In Deutschland wird einem ja leider einiges an Steuern abgezogen.

Wie wichtig waren diese Siege, abgesehen von der finanziellen Geschichte?
Ich kenne keinen Spieler, der diese drei großen Turniere schon mal hintereinander gewonnen hätte in einem Jahr. Diese Erfolge waren sicherlich die Highlights 2005, wenn man so will. Man braucht sich nur mal die Sieger der letzten Jahre anschauen bei diesen Turnieren.

Der österreichische Hallenmeistertitel war kein Highlight?
Der Sieg war extrem wichtig, ich hatte ja davor noch nie in der Halle gewonnen. Aber für mich wichtiger ist das Gesamtbild: Ich hab eine gute Saison mit wenigen Ausreißern nach unten gehabt. Oft wird das unterschätzt.

Welche Ausreißer waren das?
Gegen Marko Neunteibl in Wallsee, gegen Walter Treu in der Schweiz und gegen Marcel Zimmermann in Deutschland hab ich jeweils nach einem klaren ersten Satz für mich noch verloren. Alle drei Matches praktisch hintereinander in ein paar Wochen. Alles im Herbst nach meiner langen Verletzungspause. Das sind natürlich alles Leute, die sehr gutes Tennis spielen und gegen die man jederzeit mal verlieren kann. Trotzdem, wenn man so will, waren das im Prinzip die einzigen Niederlagen “nach unten” von mir in diesem Jahr. Auf der anderen Seite hab ich halt auch nicht so viel Matchpraxis gehabt zu dieser Zeit nach der langen Pause. Leider reden Laien da teilweise Unsinn.

Wie meinst du das?
Die Leute meinen: "Wie kannst gegen den und den nur so knapp spielen." Bei den Hallen-Staats schlag ich den Raditschnigg nur knapp. Das hat jeden gewundert sozusagen. Jetzt steht der um 450 und gewinnt Futures. Oder ein Sieg gegen Sandbichler, den ich in der Staatsliga 6:2, 6:2 schlag, der jetzt um die 600 steht und haufenweise Future-Viertel- und Semifinali spielt, wird einfach erwartet und als "völlig normal" abgetan. Auch gegen einen Marcel Zimmermann hab ich heuer zweimal gewonnen und eben einmal knapp in drei verloren, der steht jetzt auch schon um 400. Aber dann wird bei euch im Forum darüber diskutiert, ob mein Niveau nur außerhalb der Top 500 ist. Leider haben gewisse Leute einfach keinen Plan, wo man die besten nationalen Spieler in Österreich vom Niveau her einordnen muss. Die sollten sich mal ein paar Ergebnisse von Leuten wie Neumüller, Treu oder auch mir in diversen Bundesligen oder sonstwo anschauen.

Kränkt dich das?
Ohne jetzt sticheln zu wollen, aber die Unwissenheit ist teilweise unglaublich. Es gibt Leute, von denen wird man als "Semi-Profi" bezeichnet. Ein Vollprofi ist für mich einer, der nichts nebenbei macht, sondern sein Geld ausschließlich mit Tennisspielen verdient. Jemand, der sich vom Tennis selbst ernähren kann! Völlig egal auf welchen Turnieren, völlig egal, wo derjenige spielt. Wie kann es sein, dass Leute als Vollprofi tituliert werden, die im Jahr 25 Futures spielen und unter dem Strich am Ende des Jahres 20.000 Euro minus machen – und gleichzeitig jemand nicht, der unterm Strich ein nettes Plus macht mit seinem Beruf? Ich glaube, viele wissen gar nicht, wie schwer das ist und wie wenige Leute in Österreich durch Tennis ohne fremde Hilfe gut leben können. So was nervt mich einfach. Das wird sich aber wahrscheinlich nie wirklich ändern.

Vielleicht könntest du uns kurz aufklären: Wie viel Umsatz muss man als Profi denn machen, damit es Sinn macht? Ich meine Einnahmen abzüglich Reise-, Aufenthalts-, Trainings-, Arzt- und sonstigen Kosten.
Wenn jemand zehn Monate im Jahr quer durch die Welt fährt, muss er natürlich einiges an Umsatz machen, damit da unterm Strich was raus kommt. Bei mir ist das ein bisschen besser. Aber um deine Frage zu beantworten: Ob es Sinn macht, das muss jeder für sich selber entscheiden. Bei mir macht es bis jetzt definitiv Sinn.

Was kann man bei Turnieren verdienen, was bei der Meisterschaft?
Tja, wenn man bei 15 Turnieren im Jahr zwei gewinnt, zehn mal im Semifinale ausscheidet und sonst im Viertelfinale oder früher verliert, wird nicht viel dabei raus kommen unterm Strich. Du musst permanent top sein. Dasselbe bei den Ligen – wenn man eine einzige schlechte Saison in einer Liga spielt, dann war's das mit dem Vertrag fürs nächste Jahr bei diesem Club. Auf dem Niveau und bei den Verträgen, die ich habe, kannst du dir das nun mal nicht leisten. Viele stellen sich das zu einfach vor. Das Ganze ist beinhart.

Wie viele Österreicher steigen derzeit mit einem Plus aus?
Ich würde mal schätzen, dass nicht mehr als sieben oder acht Österreicher aus eigener Kraft unterm Strich am Ende des Jahres vom Tennis leben können. Das sind nicht viele, finde ich.

Zurück zu deiner Saison. Die Highlights haben wir besprochen. Ein Tiefpunkt waren wohl die Freiluft-Staatsmeisterschaften, wo du im Finale gegen Daniel Köllerer aufgeben musstest?
Das war sicher das Schlimmste, was mir seit Jahren passiert ist. Ich war im Finale, hatte Eitzinger geschlagen, war extrem gut drauf, hatte die Chance auf den Staatsmeister und die Kitzbühel-Wildcard. Das ist mein wichtigstes Turnier im Jahr. Daniel war der Favorit, hatte den Druck. Und dann muss ich wegen einem Bauchmuskelfaserriss, den ich mir bei einer dummen Bewegung im Viertelfinale gegen Falenti zugezogen hab, aufgeben.

Das war das Schlimmste, was dir in den letzten Jahren passiert ist. Gab's davor noch eine ärgere Sache?
Naja, 1996 in Kitzbühel hab ich mich durch die Qualifikation gespielt und bekam Emilio Sanchez zugelost. Der hat damals seine letzte Saison gespielt, war absolut in meiner Reichweite. Und der Sieger hat gegen den Thomas Muster gespielt, vor ausverkauftem Haus. Der Tom war damals mein Idol, es war damals mein größter Traum, gegen ihn in Kitz zu spielen. Aber ich hab dann verloren gegen Sanchez, weil ich dementsprechend katastrophal gespielt hab. Das war so ziemlich die schmerzlichste Niederlage in meiner Karriere.

Noch einmal zu deinem Tiefpunkt 2005 – nach den Staatsmeisterschaften musstest du ja eine fünfwöchige Pause einlegen.
Ja, stimmt. Diese Verletzung mitten in der Saison hat mich leider auch 10.000 Euro gekostet. Nettingsdorf, Vandans, Pörtschach und die Hälfte von der deutschen Bundesliga musste ich auslassen.

Dennoch – fünf Wochen Pause sind relativ kurz.
Ich musste das Risiko eingehen, zumindest die zweite Hälfte der Liga zu spielen, da ich Angst hatte, sonst zuviel Geld zu verlieren. Wäre es schief gegangen und hätte es einen Rückfall gegeben, hätte ich zumindest zehn Wochen pausieren müssen.

Und wann endet deine Winterpause?
In der ersten Jänner-Woche ist in Kremsmünster ein C-Turnier. Da spielt meine Freundin, die Marion Walter, auch mit. Und da wir uns eh so selten sehen, passt das ganz gut.

Und danach? Stehen die zwei Österreich-Futures, die im Jänner in Bergheim stattfinden auf deinem Plan?
Ich bin jetzt nicht ganz sicher, wie sich das in meiner Planung ausgeht. Ich muss mir das anschauen. Ich spiel’ auch ein großes Preisgeldturnier in der Schweiz Mitte Jänner. Es wird schwierig. Die werden leider auch richtig gut besetzt sein, weil sie ja mit je 15.000 Dollar dotiert sind. Sofern sich irgendwas ausgeht, will ich unbedingt spielen, weil ich eigentlich sehr ungern aus der ATP-Rangliste fliegen will. Das blüht mir aber, wenn ich keine Punkte mache bis Mitte Februar.

Warum willst du nicht aus der Rangliste fallen? Ist das eine gewisse Eitelkeit?
Irgendwie will ich mir die Möglichkeiten offen halten. Mit einem Punkt kommt man halt immer in die Qualifikation bei einem Zehner rein. Wenn es ein Future gibt, das ich dann doch mal spielen will ...

Interview: Peter Robic




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