"Ich konnte keine zehn Minuten einkaufen gehen"

Jahresbilanzen 2005 - Teil 27: Philipp Müllner über unglaubliches Verletzungspech und sein tolles Comeback. Und warum ihn Platz 300 nicht interessiert.

Philipp, du hast Ende Mai dein erstes Turnier nach fast einjähriger Pause bestritten – und stehst jetzt schon wieder in den Top 500. Darf man dich als Comeback-Mann des Jahres bezeichnen?
Ich weiß jetzt nicht, wer sonst noch aller ein echtes Comeback gestartet hat. Aber dafür, dass ich so lange verletzt war, ist es eigentlich recht gut gelaufen.

Hast du erwartet, dass das so schnell geht?
Gar nicht. Ich weiß, wie hilflos man sich am Platz bei den ersten Partien nach einer Verletzung vorkommt, und wie schwer es ist, wieder den Anschluss zu finden.

Warum musstest du ein ganzes Jahr pausieren?
Ich bin im Jänner 2004 am rechten Knie operiert worden, im Juni oder Juli dann gleich nochmal. Aber mir hat eigentlich die ganze Zeit auch das linke wehgetan. Also hab ich mir gedacht, ich lass' mir das auch gleich richten, bevor ich in die Saison 2005 gehe. Im Oktober 2004 hab ich also das linke operieren lassen, allerdings ist dort nichts gefunden worden – und ich hatte trotzdem weiter Schmerzen.

Wie sehr haben dich die Schmerzen beeinträchtigt?
Ich konnte nicht mal mehr zehn Minuten einkaufen gehen, ohne dass das Knie weh getan hat. Da denkt man dann nicht mehr groß an Tennis, sondern mehr daran, wie man den Alltag bewältigt. Bis zum Frühjahr hab ich das Tennisspielen vergessen können, dann sind die Schmerzen weniger geworden.

Woher kommen eigentlich deine Knieprobleme, die sind ja nicht neu?
Ich bin von Arzt zu Arzt gerannt, und es hat mir bis heute noch keiner sagen können, was wirklich der Grund für meine Schmerzen ist. Es weiß auch niemand, warum es jetzt besser ist.

Die Operation hat dich in einer deiner besten Phasen gestoppt, als du im Qualifinale von St. Pölten Robin Söderling einen Satz abgenommen und kurz darauf ein Future in Serbien gewonnen hast. Wie bitter war das für dich?
Sehr. Es war ja nicht das erste Mal. Ich hab, glaub' ich, seit 2000 kein Jahr ohne irgendeine Operation durchgespielt. Ich hatte bisher insgesamt schon fünf Knieoperationen, habe mir alle Bänder im Knöchel gerissen. Seit meinem Comeback habe ich auch noch Probleme mit Handgelenk, Ellbogen und Schulter. Wegen dem Handgelenk war ich zeitweise schon in Behandlung. Irgendwann muss auch das operiert werden – hoffentlich nicht so bald.

Hast du nicht irgendwann daran gedacht, den Hut drauf zu hauen?
Ich habe gewusst, dass ich es zurück schaffen werde, wenn ich wieder verletzungsfrei und halbwegs fit sein sollte. Und ich bin mir sicher, dass ich noch viel weiter kommen kann, sonst hätte ich gar nicht mehr angefangen.

Wie weit kann's gehen?
Mein Ziel müssen die Top 100 sein, Platz 300 oder 400 wäre völlig uninteressant. Damit kann man kein Geld verdienen, und das würde mich persönlich auch nicht glücklich machen.

Einen Vorteil hat deine Zwangspause: Du kannst bis Mitte Juli voll angreifen, hast keine Punkte zu verteidigen. Was ist vom Ranking her bis dahin möglich, wenn du verletzungsfrei bleibst?
Ein Platz unter den ersten 250 oder 300 ist bis dahin drinnen. Das wäre auch ziemlich wichtig, damit könnte ich mir die Quali bei den Challengern ersparen. Und dort kriegt man nicht mehr wie bei den Futures für einen Sieg einen einzigen Punkt, das heißt, da kann es dann sehr schnell nach oben gehen …

… und dann könntest du dir auch die unangenehmen Reisen ersparen – wie jene in den Iran und nach Nigeria, wo du heuer gespielt hast. Wie schlecht sind die Verhältnisse in diesen Ländern wirklich?
Der Iran hat einen sehr schlechten Ruf, so arg ist es dort aber gar nicht. In Nigeria ist es schon sehr ungut, und zwar in jeglicher Hinsicht. Das fängt beim Hotel an, das auf einem riesigen Markt gelegen ist. Zum Tennisclub hab ich je nach Verkehr zwischen 20 Minuten und zwei Stunden gebraucht. Hingehen kann man sowieso nirgends, das wäre viel zu gefährlich. In den zwei Wochen, die ich dort war, bin ich nur in Hotel, Tennisklub und Supermarkt gewesen. Und ernährt hab ich mich die ganze Zeit von Pizza und Reis. Da muss man leider einfach durch.

Warum tust du dir diese Turniere an?
Ich hatte vorm Iran erst vier ATP-Punkte und hätte immer Quali spielen müssen, wenn ich in Europa geblieben wäre, das ist sehr mühsam. Es war mein Ziel, so schnell wie möglich wieder ein halbwegs akzeptables Ranking zusammen zu bekommen – den Zweck hat es erfüllt.

Wie sehr hilft es in solchen Ländern, wenn man - wie du mit Herbert Wiltschnig - einen Reise- und Sparringpartner mit hat?
Sehr. Man spielt gemeinsam Doppel, teilt sich ein Zimmer, ist nicht die ganze Zeit allein, man hat jemanden zum Reden, man geht gemeinsam essen. Oder wenn einem beim Match das Wasser ausgeht, holt der andere einem schnell eines – alles Kleinigkeiten, in Summe aber sehr wichtig. Alleine würde ich solche Reisen gar nicht antreten, man sollte mindestens zu zweit sein.

Mit wem und wo trainierst du, wenn du in Österreich bist?
Seit ein paar Monaten trainiere ich auf der WTV-Anlage mit Wolfgang Schranz und Roland Berger.

Wer steht dir da zum Sparring zur Verfügung?
Werner Eschauer, Markus Krenn, Bertram Steinberger und Georg Novak trainieren hier, zeitweise auch Christian Magg und der Herbie. Martin Spöttl ist mit dem Daniel Köllerer auch auf derselben Anlage, der Vasilis Mazarakis aus Griechenland ist derzeit da, ...

... du hast demnach das Gefühl, das richtige Umfeld zu haben?
Derzeit auf jeden Fall, ich fühle mich dort sehr wohl und habe endlich genug Leute zum Trainieren. Ich bin ja aus dem Grund nach Kitzbühel vom Karl-Heinz Wetter weg gegangen, weil ich in Süßenbrunn keine wirklichen Sparringpartner mehr hatte. Von den Burschen war neben mir nur der Jürgen Melzer da – und der war natürlich meist auf Tour.

Reden wir über 2006: Wann wirst du die Saison eröffnen?
Ich war jetzt zwei Wochen krank und bin im Bett gelegen, das hat mich leider ein bisschen zurück geworfen. Ich kann's daher erst jetzt mit dem Aufbau angehen, mal schauen, wie's damit vorangeht. Anfang Februar werde ich voraussichtlich mit Turnieren beginnen.

Der direkte Link zur Activity von Philipp Müllner.

Interview: Manuel Wachta




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