Jenny Schmidt: "Tennis ist wirklich nur ein Spiel"
Jahresbilanzen 2005 - Teil 24: Warum Jennifer Schmidt jetzt weiß, worum's im Leben geht.

Du hast seit Anfang August kein Match mehr bestritten. Warum?
Aus privaten Gründen. Ich hab Anfang August plötzlich erfahren, dass meine Mutter schwer erkrankt ist. Da haben sich meine Ziele und Prioritäten ganz schnell geändert. Es war für mich nur mehr wichtig, dass sie wieder gesund wird. Ans Tennis hab ich überhaupt nicht mehr gedacht.
... und somit wahrscheinlich auch gar nicht trainiert.
Die ersten vier Wochen hab ich kein einziges Mal gespielt. Ich war ja jeden Tag bis zu acht Stunden im Krankenhaus.
Darf man fragen, wieÂ’s deiner Mutter jetzt geht?
Schon besser, Gott sei Dank. Sie ist jetzt auch schon manchmal daheim, und es schaut ganz gut aus, dass sie wieder gesund wird. Aber definitiv kann man das erst am Ende der Therapie im Februar sagen.
Wie schaut dein Tagesablauf derzeit aus? Stehst du schon wieder öfter auf dem Platz?
Richtig trainierÂ’ ich noch immer nicht. Ich gehe zwar laufen und spiele ein bisschen Tennis, aber zu mehr hab ich keine Zeit. Ich bin noch immer sehr oft bei meiner Mutter im Krankenhaus, und lernen solltÂ’ ich auch. Ich hab mit der Tennistrainerausbildung begonnen und mache gerade die ersten beiden Semester. Das taugt mir.
Siehst du dich in naher Zukunft schon als Trainer?
Ich weiß es nicht. Meisterschaft in Österreich, Deutschland und Frankreich will ich nächstes Jahr auf jeden Fall wieder spielen. Und ich hab auch vor, im Frühjahr wieder zu Turnieren zu fahren. Ich war jetzt ein halbes Jahr weg, es wird also nicht so einfach, wieder zurück zu kommen. Aber die Erkrankung meiner Mutter soll nicht der Grund sein, warum ich meine Karriere beende. Da macht sie sich am Ende auch noch Vorwürfe ...
Angenommen, du probierst es noch mal auf der Tour. Wie würdest du an die Sache herangehen?
Viel befreiter, lockerer. Vielleicht dadurch sogar besser. So ein Erlebnis weckt einen total auf. Ich schäme mich fast, wenn ich daran denke, worüber ich mich früher aufgeregt und geärgert habe. Da glaubt man, man verliert ein Match und die Welt bricht zusammen. Mir ist bewusst geworden, dass Tennis wirklich nur ein Spiel ist, und die Sorgen, die man sich um Punkte und Ranking macht, in keiner Relation zu wirklichen Sorgen stehen.
Tennis ist zwar nur ein Spiel, war aber für dich bis vor kurzem auch dein Beruf. Wie lässt sich ein Jahr, in dem du nur wenige Monate gearbeitet hast, finanziell verkraften?
Eigentlich nur durch meine Meisterschaftseinsätze.
Du hast neben Österreich und Deutschland auch in Frankreich gespielt. Das ist außergewöhnlich.
Ja, ich bin bei einem super Verein in der Nähe von Lille. Dort läuft alles ganz familiär und freundlich ab. Außerdem haben wir auf Hardcourt gespielt, was meinem Spiel sehr entgegen kommt. Und zusätzlich konnten wir noch bei den French Open zuschauen.
Wie das?
Unsere Nummer eins Pauline Parmentier war mit einer Wildcard im Hauptbewerb dabei, und der sportliche Leiter der Mannschaft hat uns Mädels nach Paris zum Zuschauen eingeladen. Das war schon ein Erlebnis.
Traust du dir selbst noch zu, in Paris aktiv und nicht nur als Zuseherin dabei zu sein?
Ich denke, wenn man alles gibt und genügend Motivation und Selbstvertrauen mitbringt und vor allem mit dem Herzen dabei ist, ist alles möglich.
Die Haupteinnahmen kamen von deinen Einsätzen in der Meisterschaft. Aber was sagen deine Sponsoren dazu, dass du so eine extrem lange Pause einlegst?
Mit Wilson hat mein Vater gesprochen, die waren wirklich sehr nett und verständnisvoll. Und Isospeed hat gar nicht so genau nachgefragt, warum ich im Ranking nur mehr um 900 stehe.
Apropos Ranking: Dein Ziel für heuer waren die Top 300. Wenn man nur die Zeit bis August betrachtet, wäre es schon schwer geworden, dieses Ziel zu erreichen. Warum ist es auch zu Saisonbeginn nicht so gut gelaufen?
Ich hatte einen komplett verpatzten Saisonstart. Nach der Meisterschaft in Frankreich wäre es besser gelaufen, da musste ich aber wegen einer Rückenverletzung fast einen Monat pausieren. Es war alles relativ mühsam dieses Jahr, viele downs und nur wenige ups.
Du bist im Ranking extrem zurückgefallen und machst auch schon die Trainerausbildung. Welche Ziele verfolgst du noch im aktiven Tennis?
Derzeit hat die Trainerausbildung Priorität, und die Top 100 wurden klar in den Hintergrund gedrängt. Aber so schnell trennt man sich nicht von seinen Zielen.
Wie meinst du das?
Tennis macht mir ja noch Spaß. Und wenn ich mich dazu entschließe, es noch einmal zu probieren, dann mit voller Kraft. Und dann will man auch das alte Ziel Top 100 wieder erreichen.
Der direkte Link zur Activity von Jennifer Schmidt.
Interview: Peter Brandhofer
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