Köllerer: "Bei mir gibt's nix mehr"

Jahresbilanzen 2005 - Teil 18: Warum Daniel Köllerer von vielen Leuten nicht mehr erkannt wird, aber ohne Steak und Trainer jetzt seine knappen Matches gewinnt.

Du beendest die Saison auf Platz 147 – das beste Ranking deiner bisherigen Karriere. War 2005 das beste Jahr deiner bisherigen Karriere?
Der Anfang gar nicht. Da hab ich zu viele Spiele im Kopf verloren. Aber mit der Südamerika-Tour zum Abschluss des Jahres bin ich schon sehr zufrieden.

Wieso ist es zum Ende der Saison so viel besser gelaufen als zu Beginn?
Durch das Mentaltraining von Alberto Castellani. Oliver Marach und ich haben über Monate das Mentalprogramm mit Konzentrations- und Entspannungsübungen durchgezogen, und es hat super funktioniert.

Inwiefern? Wie merkst du das?
Ich bin viel ruhiger und ausgeglichener. Egal ob beim Match, beim Training oder auch privat. Obwohl er es sicher nicht lesen wird, weil er außer "Hallo" und "Wie geht's" kein Deutsch spricht, möchte ich mich bei Alberto wirklich dafür bedanken.

Wie läuft das Mentaltraining genau ab?
Auf Englisch und immer unterschiedlich. Ich leg' mich aufs Bett, dann geht es los "Close your eyes, feel your breath. First in your mouth, then in your nose ..."

Es gibt zwei Themen, die im Zusammenhang mit der Südamerika-Tournee für Aufsehen gesorgt haben. Das erste: Warum hast du beim letzten Turnier der Südamerika-Tournee absichtlich aufgegeben und das sogar bei uns im Forum von tennisweb.at angekündigt? Das haben manche als ziemlich unprofessionell kritisiert.
Also das war so: Ich esse ja normalerweise gar kein Fleisch. Und da nach der Night-Session in Runde zwei schon alles andere zu war, hab ich mir in einem Restaurant ein Steak bestellt. Und da hab ich mir Salmonellen eingefangen. Am nächsten Morgen war ich total fertig, hab abwechselnd geschwitzt und gefroren. Das Match in der Mittagshitze konnte ich einfach nicht fertig spielen. Ich wollte das Turnier eigentlich schon ordentlich zu Ende spielen.

Warum hast du im tennisweb.at-Forum dann geschrieben, dass der Flieger schon gebucht ist und du das Viertelfinale sicher nicht gewinnen wirst?
Weil ich schon so müde war und zu Beginn wirklich nicht mehr spielen wollte. Aber die Zuschauer haben mich immer neu motiviert.

Publikumsliebling Köllerer?
Im Gegenteil. Bei Doppelfehlern von mir haben sie geklatscht, bei einem schönen Punkt nur gepfiffen. Da waren die Schmerzen in den Beinen wie weggeblasen.

Zweites Thema zur Südamerika-Tournee: Du hast mit Oli Marach trainiert und erfolgreich Doppel gespielt. Alles hat scheinbar super funktioniert. Warum kam es trotzdem zur plötzlichen Trennung zwischen euch beiden? Oli wollte uns dazu nichts verraten.
Da werdet ihr mir auch nicht mehr herauslocken können. Wir haben ausgemacht, dass die Sache unter uns bleibt und fertig.

Ich frag nur noch einmal nach: Seid ihr im Streit auseinander gegangen?
Ich sag nur mehr eines: Wir haben danach noch einmal telefoniert und haben seitdem keinen Kontakt mehr.

Aber ganz aus dem Weg könnt ihr einander ja nicht gehen. Zum Beispiel könntet ihr Konkurrenten um einen Startplatz im Daviscup gegen Kroatien sein, immerhin kämpft ihr um Platz zwei hinter Jürgen Melzer.
Ich würd's dem Oli vergönnen, wenn er im Daviscup spielt. Aber ich glaube, es wird egal sein, ob und wer von uns beiden zweitbester Österreicher im Ranking ist. Das Vertrauen für einen Daviscup-Einsatz werden wir vom Tom wohl beide nicht bekommen.

... sondern Stefan Koubek?
Ja, sicher. Der hat's ja nicht verlernt. Der kann ja Tennis spielen.

Besser als du? Wie würdest du gegen ihn spielen?
Keine Ahnung. Aber so schlecht kann er nicht sein, wenn er Doha gewinnt und schon Top 20 war, oder? Der kommt sicher wieder nach vor.

Auch Oli hat im Interview gemeint, Koubek wäre für einen Einsatz geeigneter als er. Wirst du nicht um deinen Einsatz im Daviscup kämpfen?
Es wäre natürlich eine große Ehre, und man könnte sich wirklich glücklich schätzen, wenn man sein Land in einem so wichtigen offiziellen Bewerb vertreten könnte. Auf Deutsch, es wäre megageil, in Unterpremstätten zu spielen. Aber auch ich bin der Meinung, dass Stefan Koubek spielen wird, vielleicht ist er bis dahin eh schon wieder die Nummer zwei.

Deine Ziele für nächstes Jahr?
Ich will vor der Südamerika-Tour im Herbst ein zweistelliges Ranking haben. Es kommt viel auf den Saisonstart an.

In Australien, nehme ich an.
Nein, ich werde wieder nach Südamerika gehen und auf Sand spielen. Obwohl ich jetzt im Linzer Leistungszentrum immer auf Hardcourt trainiere und dort wirklich gut spiele. Die definitive Entscheidung fällt am 26. Dezember, da muss ich nennen.

Du bist wieder im Leistungszentrum? Im Juni wurde die Zusammenarbeit ja beendet.
Ich bin nicht wieder fix dabei, ich trainiere nur öfters dort.

Worauf wird bei deinem Training derzeit besonders Wert gelegt?
Auf nichts. Ich hab ja keinen Trainer.

Mit wem spielst du dann?
Zum Beispiel mit Thomas Holzmann und Markus Egger. Jetzt hab ich auch Jürgen Gündera zum Training eingeladen.

Jürgen Gündera ist Nummer 44 der ÖTV-Rangliste. Bringt’s dir wirklich was, mit ihm zu trainieren?
Ja, der spielt zwar nur national, mit ihm ist es aber sicher super zu trainieren. Der Jürgen kann extrem schnell spielen. Der spielt geiles Tennis. Letzte Woche in Bergheim hat er gegen mich sehr stark gespielt.

Gutes Thema. Du hast heuer vier ÖTV-Turniere gespielt, die dir eigentlich weder finanziell noch sportlich wirklich was bringen können. Wieso diese Abstecher auf die nationale Tour?
Die Turnierleiter dieser Turniere haben mich früher unterstützt. Ich verstehe mich wirklich gut mit ihnen, und jetzt versuche ich halt, ihnen davon etwas zurückzugeben. Außerdem sind die Matches ein gutes Sparring, und noch dazu ein bezahltes.

Auch die Staatsmeisterschaften – bezahltes Sparring?
Die Dichte bei den Staats war wirklich sehr, sehr gut. Aber von den besseren Spielern war keiner da. Kein Peya, der Oli hatte die Kitzbühel-Wildcard schon sicher, und der Ingo Neumüller, der immer gefährlich werden kann, hatte Abendschule.

Wirst du den Titel im nächsten Jahr verteidigen?
Wenn ich auch so fix im Kitzbühel-Hauptbewerb bin, eher nicht.

Wie ist die Einstellung der Zuschauer dir gegenüber bei nationalen Turnieren? Eher positiv oder negativ? Oder geht man "Köllerer schauen"
Bei den Staatsmeisterschaften hab ich mit meinen Aktionen im ersten Match die Leute schon ein wenig gegen mich aufgebracht. Es ist witzig: Wenn die Leute zu meinem Platz kommen, fragen sie nicht "Wie steht's?" sondern "War schon was?".

Und was hören die Leute dann?
Bei mir gibt's nix mehr. Viele haben mich schon gefragt, ob was in der Familie passiert ist, weil ich so ruhig bin. Manche, die mich schon länger nicht gesehen haben, kennen mich gar nicht mehr. Das alles verdanke ich dem Mentaltraining.

Däni nicht mehr crazy? Und bei der Gelegenheit: Geht dir dein Spitzname manchmal nicht auf die Nerven?
Nein, eigentlich nicht. Ich finde es nicht so schlimm. Am meisten nervt es mich, wenn mich jemand so beim Fortgehen anspricht und auf guten Kumpel tut: "Hey, da crazy däni ist auch wieder einmal unterwegs. Alter, wie geht's?" Da bin ich dann kurz davor, den alten Daniel nochmal raus zu lassen.

Aber da gab's doch während der Südamerika-Tournee ein Beschwerdeschreiben der Spieler über dein Benehmen? Was war da?
Es sind eh immer die gleichen, die sich beschweren. Ich möchte jetzt aber keine Namen nennen. Die meisten sind einfach Mitläufer oder lassen sich von den anderen überreden, dass sie auch dazu gehören und auch auf der Liste stehen. So etwas ist natürlich schon eine ernste Angelegenheit, aber ich werde im kommenden Jahr ruhig und hoffentlich erfolgreich starten. Und wenn ich ruhig bleibe, können sie mir eh alle nichts anhaben.

Eine ganz andere Frage noch zum Abschluss: Du bist Stammgast im tennisweb.at-Forum. Was mir dabei auffällt: Du beschreibst deine Matches mit einer unglaublichen Genauigkeit, Punkt für Punkt, phasenweise sogar Schlag für Schlag. Wie ist es möglich, dass du dir fast jeden Ballwechsel merken kannst?
Wenn du immer allein ohne Trainer unterwegs bist, musst du dir halt mehr merken als dass du zum Frühstück zwei Croissants mit Schokolade gegessen hast. Das ist kein Spleen von mir, sondern nötig. Wenn ich mir die Punkte nicht merke, dann kann ich nachher nix analysieren, das heißt, ich kann auch nix lernen. Also muss ich mir die Punkte merken, so einfach ist das.

Interview: Peter Brandhofer




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