Wiespeiner: "... ein Gefühl wie mit 14!"

Jahresbilanzen 2005 - Teil 14: Was Stefan Wiespeiner an glorreiche Jugendjahre erinnerte und warum für Stan Franker nur ein Schauspiel abgezogen wurde.

Stefan, du hast vor kurzem die Grundausbildung beim Bundesheer hinter dich gebracht. Wie waren die fünf Wochen?
In Ordnung. Bei uns Sportlern dauert die Grundausbildung zwar eine Woche kürzer, aber dadurch hat man entsprechend länger Dienst, bis 19 Uhr und länger. Zum Tennisspielen bin ich in den fünf Wochen nur einmal gekommen.

Dafür geht's aber jetzt in der Südstadt richtig zur Sache. Wie gefällt's dir?
Sehr gut bis jetzt. Die ersten zwei Wochen hab ich mit Gilbert Schaller trainiert, danach mit Thomas Weindorfer. Mir gefällt es viel besser als früher.

Wieso?
Mit dem Schilli ist es ganz anders als mit Stan Franker. Die Stimmung ist viel besser. Am meisten taugt mir, dass Schilli auch selbst am Platz steht. Was ja eigentlich gar nicht zu seinen Aufgaben zählt.

Franker hat das nicht gemacht?
Der war sowieso fast nie da. Und wenn er da war, war die Stimmung noch schlechter als sonst.

Warum das?
Da war alles wie bei einem Schauspiel. Die Trainer waren ganz anders, oft überhart. Mit dem Schilli ist es viel ehrlicher, der ist immer da, dem braucht man nix vorspielen. Der macht das perfekt.

Und mit Weindorfer hast du dich auch ausgesprochen? Du hast ja voriges Jahr aus eigenem Willen die Südstadt verlassen.
Mit Weindorfer hatte ich nie wirklich Probleme. Das einzige war, dass er damals - mir ist es zumindest so vorgekommen - Schmölzer und Eitzinger etwas bevorzugt hat. Aber wir haben uns ausgesprochen, jetzt läuft alles super.

Nach dem Ende deiner ersten Südstadt-Zeit im August 2004 bist du nach Graz gegangen, hast dort über ein Jahr trainiert. Was sind die Vor- und Nachteile?
In der Südstadt sind die Trainingsmöglichkeiten insgesamt ein Traum. Dafür erfahren wir erst immer direkt vor dem Training, was wir machen. In Graz hatte ich meinen auf mich persönlich abgestimmten Trainingsplan. Dass sich der ausgezahlt hat, hab ich jetzt am sportmedizinischen Test gemerkt. So gute Werte hatte ich noch nie.

Zum Beispiel?
Beim Bankdrücken bin ich mit 100 Kilo der mit Abstand Beste der Truppe.

Du hattest heuer dein spezielles Training, die besten Werte und hast dich im Ranking stark verbessert. Das Saisonziel Top 450 hast du trotzdem nicht erreicht. Warum nicht?
Ich hätte es erreicht, wenn ich nicht zum Bundesheer gegangen wäre. Jetzt fehlen mir halt drei Monate, in denen ich wieder zurück gefallen bin. Aber seit den Futures in Serbien weiß ich, dass ich's drauf hab.

Wieso gerade seit Serbien? Gab's da ein Schlüsselerlebnis?
Ich hatte beim ersten Future eine wirklich unglaublich gute Auslosung und hab dann schon in Runde zwei verloren. Das hat mich total fertig gemacht. Als ich mit meiner Mutter telefoniert hab, hat sie mich sogar gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, was anderes zu machen ... was mich denn außer Tennis noch interessieren würde.

Was ziemlich eindeutig nach mütterlichem Rat klingt. Was hast du geantwortet?
Ich hab das quasi überhört und hab nur gemeint: "Ja, Mama, passt schon." Und dann hab ich zu meinem Vater im Scherz gesagt: "Egal, muss ich halt die nächsten zwei Turniere gewinnen." Und ich hab dann tatsächlich mein erstes Future gewonnen und ein Finale gespielt.

Warum ist es da auf einmal gegangen?
Ich war viel lockerer. Es ist ja unglaublich, welchen Druck man sich oft selber macht. Ich hab mir gedacht, wurscht was passiert, im Oktober rück' ich sowieso ein. Und auf einmal hab ich mich gefühlt wie damals mit 14 ...

... als du die Nummer eins in Europa warst und als Supertalent eingestuft wurdest - unter anderem von Stefan Edberg. Was hat dich gerade in Serbien an die damalige Zeit erinnert?
Das Selbstvertrauen. Ich hab bei wichtigen knappen Situationen oder wenn ich hinten war, Bälle gespielt, dass ich mir selbst an den Kopf gegriffen hab. Auf einmal ist es gelaufen. Zum Ende der Saison hab ich dann sogar noch Jeanpierre geschlagen, der bei den French Open schon in der dritten Runde war.

Wie kannst du die Form nun mitnehmen, und wo willst du sie wieder in ATP-Punkte umsetzen?
Neben den vier Weindorfer-Schützlingen trainieren auch Julian Knowle und Rainer Eitzinger öfters in der Südstadt. Das sind super Trainingspartner. Meine ersten Turniere werden die Jänner-Futures in Bergheim und Anif sein, danach könnte ich laut Weindorfer mit Rainer zu Challengern fahren. Das wäre mein Ziel ...

... Challengers zu spielen?
Ja, ich möchte bis Mitte des Jahres ein Ranking erreichen, mit dem ich bei schwächeren Challengern im Hauptbewerb stehe. Dazu müsste ich um 400 oder knapp darunter stehen. Das kann ich schaffen.

Vom Aufhören ist keine Rede mehr? Im Jänner hast du gesagt, dass du deine Karriere beendest, wenn du dein Saisonziel nicht erreichst ...
Nein, ans Aufhören denke ich nicht, im Gegenteil. Mein Gefühl ist viel positiver als im Vorjahr. Wenn ich Ende des Jahres schlechter stehe und spielerisch stagniere, müsste man sich natürlich was überlegen, klar, das ist ja dann auch eine finanzielle Frage. Aber gerade erst hab ich meinen Vertrag mit Fischer um zwei Jahre verlängert bekommen. Und ich bekomm' neben Schlägern jetzt auch Bekleidung.

Der direkte Link zur Activity von Stefan Wiespeiner.

Interview: Peter Brandhofer




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