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Familie statt internationaler Karriere, Spin hört auf!
Jahresbilanzen 2005 - Teil 11: Zbynek Mlynariks Prioritäten haben sich verschoben: Der Oberösterreicher wird seine internationale Laufbahn nach und nach beenden. Was heuer falsch gelaufen ist, erzählte er tennisweb.at im Interview.

Zbynek, du musstest in deinem letzten Saisonmatch im Achtelfinale von Puebla aufgeben. Weshalb?
Ich hab seit September eine Hüftbeugerzerrung. Ich hab stets mit ziemlichen Schmerzen gespielt und musste deshalb ein paar Mal aufgeben. Trotzdem hab ich gedacht, dass es schon halbwegs gehen wird, aber es hat leider nicht funktioniert.
Kannst du mittlerweile wieder normal trainieren?
Nein, ich hab in den drei Wochen seit Puebla den Schläger noch kein einziges Mal in der Hand gehabt. Ich versuche natürlich mit allerhand Übungen den Muskel zu stärken und zu dehnen, sonst würde er immer wieder einreißen. Derzeit warte ich noch ein bisschen ab.
Knabbert eine wenig ertragreiche Saison wie diese nicht an deinen Ersparnissen?
Nicht im Geringsten, eher im Gegenteil: Die Saison hat mich am wenigsten gekostet seit vielen, vielen Jahren. Ich bin die meisten Turniere von Los Angeles aus angeflogen. Das war finanziell nicht so schlimm, die Flüge innerhalb Amerikas sind ohnehin sehr billig. Und die Turniere, die ich in den USA gespielt habe, bei denen gab es Housing. Du schläfst bei Familien in der Gegend, wirst meist auch noch zum Essen eingeladen, hast also keine Kosten.
Woher kommt dein Faible für die USA? Du hast die Hälfte deiner 24 Turniere dort bestritten.
Zum einen liegt das daran, dass meine Freundin aus den USA kommt. Ich sehe sie daher zum Glück recht oft. Zum anderen habe ich mit L.A. jetzt einen geeigneten Standort, um mehr auf Hardcourt zu trainieren, das liegt mir mehr. Ich kann hier mit starken Leuten wie Kevin Kim (ATP 102), Eric Taino (ATP 240) und vielen anderen trainieren, manchmal auch mit Luben Pampoulov. Vor allem ist es in L.A. fast immer schön, ich kann ständig draußen spielen - es hat hier 20 Grad.
Dein Coach Jürgen Waber hat in Bezug auf deine häufigen Turnierteilnahmen in Übersee gemeint, dass dir auch das schnörkellose Spiel der Amerikaner entgegen kommt.
Ja, das stimmt. Die meisten US-Boys spielen einfach sehr schnell, streuen wenige Winkelbälle ein – alles in allem nicht sehr einfallsreich. Ich trete gerne gegen die Amerikaner an. Und ich merke, dass sie nicht gerne gegen mich spielen …
Â… weil du ein Vertreter der bekannten "tschechischen Schule" bist?
Genau deshalb. Ich habe eine dafür sehr typische Spielweise, spiele sehr sauber.
Für heuer hattest du dir die Top 200 vorgenommen und stehst jetzt nur noch knapp unter den besten 400 – eine völlig verkorkste Saison?
Es ist heuer einfach alles gegen mich gelaufen. Ich hatte leider immer wieder kleine Verletzungen: an Rücken, Schulter oder Knöchel. Ich konnte oft nicht mal mehr regelmäßig trainieren. Wenn ich verletzungsfrei war, habe ich eigentlich recht gut gespielt.
Begonnen hat das Jahr ja recht gut: In der Australian Open-Quali hast du der aktuellen Nummer 42 der Welt Christophe Rochus einen Satz abgenommen, beim Waikoloa-Challenger den topgesetzten Alex Bogomolov Jr. eliminiert und das Viertelfinale erreicht Â…
Da waren sehr gute Partien dabei, auch jene gegen Goldstein, wo ich 6:4 im dritten Satz verloren habe. Er hat ja dann auch das Turnier gewonnen. In Joplin hatte ich gegen Lukasz Kubot insgesamt drei Matchbälle, hab aber im Tiebreak des dritten verloren. Die Partie ist mir noch lange nachgehangen.
War das der Knackpunkt in der Saison?
Das war er bestimmt. Lukasz und ich sind gute Freunde und wollten beide natürlich unbedingt gewinnen, das war ein echtes Prestigeduell. Ich hab die Partie im Nachhinein betrachtet wohl zu ernst genommen. Die Niederlage hat auch wirklich sehr wehgetan. Darum hab ich in der Folge wohl auch so viele Dreisatz-Partien verloren.
In Little Rock im April bist du das einzige Mal heuer über ein Viertelfinale hinaus gekommen. Wie erklärst du dir die großen Leistungsschwankungen? Bekommt man das mit zunehmendem Alter nicht besser in den Griff?
Sollte man! Bei vielen Turnieren war ich gut vorbereitet und trotzdem ist es nicht gelaufen. In Little Rock war's genau umgekehrt: Ich hab mich davor nicht gut gefühlt, war mit meiner Form unzufrieden. Dort hab ich dann solide gespielt und keinen Satz verloren.
Zbynek, du wirst im Frühling 29 Jahre alt, wartest nach wie vor auf den großen Durchbruch. Was motiviert dich denn, es doch noch weiter zu versuchen?
Schwer zu sagen … eigentlich die Deutsche Bundesliga. Ich hab mit Rot-Weiß Erfurt heuer den Aufstieg in die erste Bundesliga geschafft, habe dort auch immer sehr gut gespielt. Ich fühle mich dem Klub sehr verbunden, spiele jetzt schon mein fünftes Jahr dort und habe viele Freunde in der Mannschaft.
Und die internationale Karriere?
Meine internationale Laufbahn werde ich wohl langsam ausklingen lassen.
Zbynek Mlynarik 2006 nicht mehr auf der Tour?
Ich werde weiterhin trainieren und regelmäßig spielen. Aber das internationale Turniertennis werde ich deutlich zurückschrauben und da keine allzu großen Ziele mehr verfolgen. Zur Vorbereitung auf die Deutsche Bundesliga werde ich schon noch ein paar Futures bestreiten, aber mehr wohl nicht.
Was ist für diese Entscheidung letztendlich Ausschlag gebend gewesen?
Ich will mein Hauptaugenmerk auf die Familie legen. Meine Freundin ist Universitätsprofessorin und hat bereits zwei Kinder. Außerdem hat mir das Herumfahren einfach immer weniger Spaß gemacht. Die ganze Future-Tour ist auch wenig lukrativ, das macht so keinen Sinn mit meinem Ranking.
Was müsste passieren, dass du's doch noch mal ernsthaft versuchst?
Wenn ich merken würde, dass wirklich was weiter geht, und sich die Erfolge richtig einstellen, dann würde ich's mir vielleicht überlegen. Aber eben das war zuletzt nicht der Fall. Ich tappe außerdem auch immer noch im Ungewissen und muss hoffen, dass mein Hüftbeuger überhaupt hält.
Weißt du schon, welchen Weg du nach deiner Profikarriere einschlagen wirst? Stimmt es, dass du während der Staatsmeisterschaften einen Trainerkurs gemacht hast?
Ja, das war ein ATP-Trainerkurs in Wimbledon, der nur für Spieler vorgesehen ist. Da wird man von zwei amerikanischen Trainerorganisationen und von der ATP getestet. Im Endeffekt hat man drei Zertifikate und ist in mehreren weiteren Fachbereichen ausgebildet. Das wird in weiterer Folge für mich sehr wichtig werden, denn wahrscheinlich werde ich mich hier dann mal als Trainer niederlassen. Ich habe ziemlich viel Wissen und in meiner Karriere bedeutende Erfahrungen gemacht.
Welche positiven Erfahrungen nimmst du denn aus deiner Laufbahn mit?
Ich habe durchs Tennis spielen sehr viele Erfahrungen für mein ganzes Leben gesammelt. Man trifft auf so viele unterschiedliche Charaktere und Kulturen und lernt, mit ihnen zu Recht zu kommen. Man lernt Geduld. Man lernt, konsequent an seinen Zielen zu arbeiten – und das erfordert sehr viel Arbeit.
Was waren für dich die größten Karriere-Highlights?
Allein schon die Tatsache, dass ich bei jedem Grand Slam teilgenommen habe – das ist das Ziel eines jeden Tennisspielers. Weiters im Jahr 2000 mein Match gegen Cedric Pioline in der Stadthalle auf dem Centrecourt. Das war großartig – so wie der Challenger-Sieg in Lübeck 2001 aus der Quali heraus. Auch die Erfolge in der deutschen Bundesliga freuen mich wirklich sehr.
Niemand macht in seiner Laufbahn alles richtig. Was würdest du im Nachhinein ändern?
Ich würde weniger Futures spielen und dafür mehr Challenger und ATP-Turniere. Die Futures bringen es einfach nicht. Und ich hab in meiner Karriere oft Verletzungen überspielt. Wenn ich diese gleich behandeln hätte lassen, war es wesentlich besser gewesen. So sind manche Verletzungen dann immer schwerer geworden.
Du bist ja mehr oder weniger zwischen den USA und Österreich hin und her gerissen. Wofür wirst du dich entscheiden?
Ich werde hauptsächlich in den USA bleiben – auch wenn ich Österreich über alles liebe und weiterhin immer wieder dort sein werde. Meine Freundin war schon mal in Österreich und fand es dort wunderschön – sie hat es als "Märchenland" bezeichnet.
Der direkte Link zur Activity von Zbynek Mlynarik.
Interview: Manuel Wachta
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