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Melzer: "Die Niederlage gegen Coria war der Knackpunkt"
Jahresbilanzen 2005 - Teil 1: Österreichs Nummer eins Jürgen Melzer über Highlights, Tiefpunkte und das nächste Jahr.

Jürgen, seit zwei Jahren redet jeder von deinem ersten Turniersieg auf der Tour. In St. Petersburg, im letzten Turnier des Jahres, war es nun an der Seite von Julian Knowle doch noch so weit ...
Der Titel war etwas ganz Besonderes, nicht zuletzt weil ich ihn gemeinsam mit einem guten Freund gewonnen habe.
Ist der Doppeltitel genauso viel wert wie ein Einzeltitel?
Es ist mein erster Titel auf der Tour, dementsprechend viel bedeutet er mir. Wir haben mit Bhupathi/Damm, Arthurs/Hanley und Björkman/Mirnyi drei Top-Doppel geschlagen. Außerdem ist es, soweit ich weiß, der erste ATP-Turniersieg für ein rein österreichisches Paar.
Das ist er wirklich. Im Einzel hat es heuer - noch - nicht für einen Titel gereicht. In St. Pölten war's im Finale aber sehr knapp - 4:6 im dritten Satz gegen Davydenko ...
... mit Netzroller bei Einstand bei 4:5! St. Pölten war aber insgesamt sehr geil, vor allem mit den Vorzeichen: Ich habe ja vorher in Hamburg und Rom schlecht gespielt.
Du bist jetzt als Nummer 28 auch Österreichs Nummer eins im Doppel. Wieviel bedeutet das?
Natürlich ist es schön, die Nummer eins im Einzel und Doppel zu sein. Aber der Julian und ich sehen uns als Team. Es ist egal, ob einer zwei Plätze vor dem anderen liegt.
Bleibt ihr auch nächstes Jahr ein Team?
Ja, wir haben vor, die Saison durchzuspielen. Priorität für mich hat aber das Einzel, also wird Julian auch ab und zu mit anderen Partnern spielen.
Was ist euer gemeinsames Ziel? Denkt ihr ans Doppel-Masters?
Ich geh nicht in die Saison, mit dem Ziel, ins Doppel-Masters zu kommen.
Die Chancen, dorthin zu kommen, stehen aber nach den heuer gezeigten Leistungen nicht schlecht.
Außer den Bryan-Brüdern hab ich heuer alle Doppel-Masters-Teilnehmer besiegt. Wenn sich die Chance ergeben sollte, werd' ich sie wahrnehmen und vielleicht das eine oder andere Turnier zusätzlich spielen.
Du hast eine gute Einzel-Saison hinter dir, bist zum zweiten Mal in Folge am Jahresende knapp an den Top 50. War die Bestätigung deiner Top-Saison 2004 schwieriger als erwartet?
2005 war sicher schwieriger als 2004. Ich war so weit vorne, dass alle Masters Series-Turniere auf jeden Fall in die Wertung kommen. Dort musst du gegen die Top-Leute gut spielen. Und ich hab ausgerechnet dort immer schlecht gespielt. Dadurch war dann der Druck bei den anderen Turnieren natürlich sehr groß.
Wie viel zusätzlichen Druck macht es, wenn man weiß, dass man gegen die Guten punkten muss?
Es war für mich das erste Jahr, in dem ich mich praktisch nur mit den Top-Leuten messen musste. Aber es muss das Ziel von jedem Tennisspieler sein, bei den großen Turnieren gegen die Top-Leute zu spielen. Sonst kann man sich ja auch nicht verbessern.
Von den Top-Leuten hast du heuer zum Beispiel Ljubicic in Wimbledon, Puerta in Houston auf Sand oder auch Agassi in San Jose auf Hardcourt geschlagen. Aber auf der anderen Seite hattest du relativ viele knappe Matches, die du verloren hast. Wie sehr zehrt das?
Natürlich zehrt so etwas. In Indian Wells gegen Henman hab ich vier Breaks gemacht - das reicht normalerweise für vier Sätze. Ich hab trotzdem 5:7, 4:6 verloren. Schade ist es um die Matches gegen Davydenko in Monte Carlo, gegen Haas in Halle, gegen Lisnard in der Stadthalle oder gegen Kiefer in St. Petersburg. Wenn ich die gewinn', steh ich noch weiter vorne.
Oder auch das Match gegen Coria in Wimbledon, das du nach 2:0-Satzführung noch verloren hast.
Diese Niederlage hat natürlich besonders weh getan. Wenn du 2:0 Sätze führst und auch im fünften Satz noch Chancen hast ...
Du hast seither keine zwei Matches bei einem Turnier mehr gewonnen. Warum lief es danach nicht mehr optimal?
Die Coria-Partie war sicherlich ein Knackpunkt. Dazu kam mein Problem mit dem Handgelenk vor der Amerika-Tournee - von einem Tag auf den anderen konnte ich den Schläger nicht mehr halten. Roddick und Berdych waren dann auch keine optimalen Gegner, und nach der Niederlage gegen Kohlschreiber war mein Selbstvertrauen im Keller. Danach lag das Hauptaugenmerk auf dem Daviscup.
Mit Erfolg. Gegen Ekuador hattest du mit deinen drei Siegen ein tolles Wochenende - dein mit Abstand bestes im Daviscup bisher.
Der Daviscup war sicher ein Highlight für mich, weil ich vor heimischem Publikum unter Druck gut gespielt habe. Im Jahr davor hab ich zweimal verloren, heuer hab ich mich gut präsentiert.
Und gerade in Österreich einige wirklich gute Matches gespielt, gegen die Lapenttis oder gegen Gaudio ...
Auch in St. Petersburg gegen Kiefer hab ich ein verdammt gutes Match gespielt. Der Sieg gegen Gaudio in der Stadthalle wird mir aber ewig in Erinnerung bleiben, das hat ur Spaß gemacht.
Aber dann hast du gegen Lisnard 6:7 im Dritten verloren. Damit haben die Wenigsten nach der tollen Leistung gegen Gaudio gerechnet. Wie passiert so was?
Es ist alles extrem nah beieinander im Tennis. Außerdem war ich nach der Gaudio-Partie richtig platt, und er hat in den entscheidenden Situationen super Tennis gespielt.
Was kannst du ändern, um solche Matches doch zu gewinnen?
Ich könnte mit mehr Kraft ins letzte Saison-Drittel gehen. Ich war vom vielen Reisen in der ersten Saisonhälfte einfach müde. Aber da wir 2006 nicht Daviscup gegen Australien spielen, wird das quasi von selber besser werden.
Ist es denkbar, dass du in der Saison eine Pause einlegst?
Ich war heuer einmal vier Tage in Italien, aber das hat wenig gebracht. Kann sein, dass ich in der Saison einmal eine Woche Kondition trainiere. Aber das werde ich noch mit Karl-Heinz Wetter besprechen.
Was war dein großes Highlight der Saison 2005? Gibt es einen Erfolg, den du über alle anderen stellen möchtest?
Der Finaleinzug in St. Pölten, der Daviscup und der Sieg in St. Petersburg sind auf eine Stufe zu stellen. Diese Emotionen, die man da hat, die erlebt man nur als Sportler.
Trotz dieser tollen Erfolge hast du dein Ziel, die Top 20, aber nicht erreicht ...
Man muss sich hohe Ziele stecken. Ich war letztes Jahr am Ende die Nummer 39 - wenn ich mir da vornehme, in den Top 50 zu bleiben, hört sich das blöd an.
Dein Ziel für 2006?
Irgendwo zwischen 25 und 30 abzuschließen.
Musst du dafür etwas ändern?
Ich hab im Training schon etwas umgestellt und auch meinen Schläger gewechselt. Generell muss ich an der Konstanz arbeiten, um auf hohem Niveau ein Jahr durchzuspielen.
Du hast während der Saison deinen Schläger gewechselt. Das ist ziemlich unüblich.
Ja, das ist es. Aber ich hab den neuen Kneissl in die Hand genommen, und er hat mir sofort getaugt. Kurz vor der Stadthalle bin ich dann umgestiegen.
Wie sieht eigentlich deine Vorbereitung auf 2006 aus?
Jetzt mach Urlaub auf den Malediven - endlich! Am 21. November beginnt die Aufbauphase, zuerst sicherlich mehr Konditionstraining als Tennis. Im Dezember spiel' ich dann bei der tele.ring Tennis Trophy in St. Anton am Arlberg und dann geht's bald wieder mit der neuen Saison los.
Gibt's schon einen Trainingsplan?
Ich werde mich noch mit dem Karl-Heinz zusammensetzen. Aber ich habe vor, mit dem Julian fürs Doppel zu trainieren, wir müssen einige Spielzüge erarbeiten, als Team gefährlicher werden. Wir müssen schauen, dass wir auch Matches gewinnen, wenn wir nicht überdrüber spielen. Und gerne würde ich mit dem Stefan Koubek das eine oder andere Sparring spielen.
Interview: Peter Robic
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