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In New York beginnt Stefan Koubeks heißester Herbst
Daviscup-Held, Semifinalist in Basel, Siege über Gaudio, Ferrero, Henman & Co.: Im Herbst 2004 spielte Stefan Koubek groß auf. Bei den US Open beginnt nun der Kampf um zwei Drittel seiner Punkte.

Matchbälle in Cincinnati gegen Morrison abgewehrt, Matchbälle in New Haven gegen Sargsian abgewehrt, zweimal einen Break-Rückstand im dritten Satz gegen Monfils aufgeholt: Stefan Koubek hat in den letzten beiden Wochen gleich drei verloren geglaubte Partien umgedreht. Seine Nerven kommen im richtigen Moment in Hochform: Der Kärntner steht seit seiner Rückkehr auf die Tour in Wimbledon unter zunehmendem Punkte- und Ranglistendruck. Und in New York wird der Druck nun noch größer, wenn er morgen, Dienstag, übrigens ebenso wie Jürgen Melzer und Sybille Bammer in den Hauptbewerb des letzten Grand Slam-Turniers des Jahres startet.
Der beste Herbst der Karriere
Vor genau einem Jahr begann in Flushing Meadows der beste Herbst in Stefan Koubeks bisheriger Karriere: Dritte Runde bei den US Open (75 Punkte), Daviscup-Triumph gegen die Briten fast im Alleingang gesichert, dritte Runde beim Masters Series-Turnier in Madrid (90 Punkte) und als Krönung das Semifinale in Basel (110 Punkte). Triumphe über Henman, Rusedski, Ferrero, Gaudio, Ljubicic, Srichaphan. Was ihn vor einem Jahr zum Helden der Tennisnation machte, ist jetzt eine Bürde: Bis Saisonende hat Koubek fette 355 ATP-Punkte zu verteidigen.
Rückfall auf Platz 300 als Horrorszenario …
Und zwar 355 Punkte von genau 478, die Koubek nach von kontroversieller ITF-Sperre, Verletzungs- und Krankheitspech unfreiwillig halbierter Saison derzeit auf seinem Konto hat. Anders gesagt: Nach acht von elf Monaten des Tennisjahres 2005 hat Koubek gerade ein Drittel seiner Punkte im Trockenen. Dass er unverschuldet zum Handkuss kam, zählt nicht. Fakt ist: Punktet Koubek heuer nicht mehr, droht im allerschlimmsten - wenn auch angesichts der letzten Leistungen theoretischen - Fall sogar der Absturz auf einen Platz um 300. Und das würde dem zumindest vorläufigen Abschied von ATP-Tour und Grand Slams gleichkommen: Spieler um Platz 300 pendeln zwischen Futures und Challengern. Ein solcher Rückfall würde de facto den Neubeginn der Profikarriere des ab 2. Jänner 29-Jährigen bedeuten.
Â… und Top 100 nur mit Ausnahmeleistung zu verteidigen
120 Punkte hat Koubek seit 1. Jänner dieses Jahres gemacht, das sind weniger als Rainer Eitzinger, Zbynek Mlynarik oder Marco Mirnegg derzeit auf dem Konto haben. Österreichs Nummer drei Oliver Marach hat bereits 348 Punkte, rund 420 sind das Soll für einen Platz in den Top 100. Das heißt, von den 355 Punkten aus dem Superherbst 2004 müsste Stefan Koubek sage und schreibe 300 verteidigen, um sich in den Top 100 zu halten, mindestens 250, um sich vor dem aufstrebenden Marach als Österreichs Nummer zwei hinter Jürgen Melzer zu halten (der das Jahr, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, als Österreichs überlegene Nummer eins beenden wird).
Top 30-Leistungen für Top 100-Platz nötig
Zum Vergleich: Für den Sieg bei der BA-CA-Trophy in Wien oder für ein Grand Slam-Viertelfinale gibt es 250 Punkte. Koubek muss den Rest des Jahres rein rechnerisch soviele Punkte machen wie ein 1000-Punkte-Spieler, um sich in den Top 100 zu halten. Mit 1000 Punkten wäre man derzeit Nummer 34 im ATP-Ranking, Jürgen Melzer hat 830 Zähler auf seinem Konto.
Härtetest für Körper und Geist
Für Koubeks Betreuer Günter Bresnik zählt Ranglisten-Arithmetik nur in zweiter Linie. „Das Wichtigste ist, dass sich Stefan wieder seinem Niveau nähert. Und das hat er zuletzt Schritt für Schritt getan“, sagt Bresnik. „Die Entwicklung war ja mit freiem Auge sichtbar: Was er in Kitzbühel gezeigt hat, war in Ordnung. Der erste Satz gegen Ferrero in Cincinnati hat gezeigt, was spielerisch in ihm steckt. Die Partie gegen Monfils in New Haven war ein sehr wichtiger Härtetest für Körper und Geist. Und den hat er mit Auszeichnung bestanden.“ Insbesondere die mentale Fitness wird in den nächsten Wochen besonders wichtig sein – es kann passieren, dass Koubek trotz guter Leistungen im Ranking an Boden verliert. Und dennoch darf er sich bis Jahresende keinen Durchhänger erlauben – von einer neuerlichen Erkrankung oder Verletzung ganz zu schweigen.
„Zwischen 80 und 120 überwintern“
Bresnik steht Koubeks wahrscheinlichem Abschied aus den Top 100 relativ gelassen gegenüber. „Es ist klar, dass es jetzt um Schadensbegrenzung geht und dass es angenehmere Situationen gibt als die, in der sich Stefan jetzt befindet. Aber bisher hat er sich dem Druck sehr, sehr gut gewachsen gezeigt. Wenn er so weiter spielt und gesund bleibt, dann wird er zwischen Platz 80 und 120 überwintern. Das wäre als Ausgangsposition für 2006 okay.“
Neuer Steigflug 2006?
In den nächsten drei Monaten erwartet Koubek eine der größten Herausforderungen seiner Karriere. Es gibt aber Licht am Ende des Tunnels. Denn wenn er es tatsächlich schafft, sich zu Jahreswechsel in Schlagweite der ATP-Tour (also rund um Platz 120) zu halten, stehen ihm 2006 alle Türen offen: Schließlich hat er von Jänner bis Ende August 2006 nur geradezu lächerliche 120 Punkte zu verteidigen – einem neuerlichen rasanten Steigflug in der Rangliste stände dann nichts im Wege.
sw
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