"Man muss Mut haben, zu träumen"



Vor knapp zwei Jahren wurde Stan Franker zum zweiten Mal zum Sportdirektor des ÖTV bestellt. In der Ära Franker 1 hatte er die "drei Musketiere" auf Weltkarrieren vorbereitet, in der zweiten Ära wartet man bisher vergebens auf den neuen heimischen Tennisstar. tennisweb.at nahm einen Artikel vom "Standard" zum Anlass, um mit dem Sportdirektor ein Gespräch zu führen. Wie gut steht das heimische Tennis tatsächlich da? Wer sind für den Niederländer die hoffnungsvollsten Talente im Land? Und warum kommen diese nicht in die Südstadt?

Der "Standard" schreibt, dass die Ära Stan Franker "bald enden dürfte". Was ist dran?
Derzeit steht das nicht zur Debatte. Aber ich bin nicht nach Österreich gekommen, um ewig zu bleiben. Irgendwann werde ich gehen.

Und wann wird das sein?
Das weiß ich noch nicht. Und wenn ich es wüsste, würde ich es erst öffentlich machen, wenn ich mit meinen Leuten in der Südstadt gesprochen habe. Meine Aufgabe ist, es ein Team zu bilden, das auch autonom arbeiten kann.

Wird es einen Nachfolger für Sie geben?
Den wird es wohl geben. Es soll ein Österreicher sein, der mit seinem Herzen hinter dem Projekt steht. Vielleicht jemand aus der Südstadt …

Sie sind 15 bis 17 Wochen im Jahr in Österreich. Im "Standard" werden Sie mit den Worten "das ist eine halbe Sache, und das ist nichts für mich" zitiert. Wie darf man das verstehen?
Ich müsste ständig da sein, um eine Qualitätsgarantie geben zu können. Aber wenn es die finanziellen Mittel nicht zulassen, muss ich eben so das Beste daraus machen.

Wann waren Sie zuletzt in Österreich?
Ende Jänner. Und am 21. Februar komme ich wieder.

Wie sieht Ihre Bilanz nach knapp zwei Jahren als Sportdirektor aus?
Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Die Südstadt wurde wieder belebt, gute Coaches arbeiten mit guten Spielern. Wir sind auf einem guten Weg.

Was könnte besser sein?
Darauf möchte ich nicht im Detail eingehen. Es ist wie bei einem Tennisspieler – es gibt immer was zu verbessern.

Wie zufrieden sind Sie mit der Situation im heimischen Tennis?
Das österreichische Tennis steht im Moment ziemlich gut da. Unsere Damen und unsere Herren sind in der Weltgruppe, wir gehören einem sehr exklusiven Kreis an. Welche andere Sportart in Österreich steht derzeit so gut da?

Wie groß ist Ihr Anteil daran, dass wir so gut sind?
Schett und Schwartz haben die USA besiegt, nicht ich. Meine Aufgabe ist es, ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger auf den richtigen Weg zu bringen; Spieler zu finden, die die richtige Einstellung haben.

Wie sieht diese Einstellung aus?
Es ist das, was man in den Augen eines Spielers sieht. Ob einer bereit ist, alles zu geben für seinen Traum.

Der "Standard" zitiert Sie mit der Aussage "es gibt zu wenig Träumer". Muss man nicht manchmal eher realistisch bleiben, wenn das Potenzial einfach nicht da ist?
Warum sollte jemand, der das Potenzial vielleicht augenscheinlich nicht hat, nicht träumen dürfen? Man muss Mut haben im Profisport, Mut zu träumen.

Ihr Ziel war es, in den nächsten Jahren acht Österreicher unter die Top 100 der Welt zu bringen, fünf Herren und drei Damen. Steht das noch, oder ist das auch eine Art Traum?
Das Ziel steht natürlich.

Die aktuellen Kaderspieler sind derzeit meilenweit von den Top 100 der Welt entfernt, gerade mal acht stehen unter den Top 100 - aber der ÖTV-Rangliste …
Es müssen ja nicht die aktuellen Kaderspieler sein, zumindest noch nicht. Es ist dumm zu glauben, dass man zum Beispiel einen Martin Fischer in vier Monaten in die Top 100 der ATP bringt.

Wann sind Martin Fischer, Christoph Steiner und Co. so weit?
Das braucht Zeit. Vielleicht in zwei Jahren, vielleicht in drei oder vier. Die nächsten Kandidaten sind andere.

Und zwar?
Johannes Ager, Daniel Köllerer oder Olli Marach fallen mir da ein.

Im "Standard"-Artikel steht außerdem, dass Sie nur bei wenigen Spielern in Österreich das Gefühl haben, dass sie Waffen entwickeln können. Können Sie darauf etwas näher eingehen?
Es gibt eine Menge Spieler, die Waffen entwickeln können. Mir fallen mindestens acht Kids ein, die Tennisprofis werden können.

Welche?
Wir trauen jedem, der in der Südstadt trainiert, zu, Tennisprofi zu werden. Sonst würden wir ihn ja nicht unterstützen.

Trauen Sie es nur den Südstadt-Zöglingen zu, es zum Profi zu schaffen, oder auch anderen?
Natürlich gibt es auch Spieler, die nicht in die Südstadt wollen und es trotzdem schaffen können. Tamira Paszek, Nikola Hofmanova, Stefanie Rath oder Melanie Klaffner zum Beispiel.

Warum sind die Mädchen nicht an der Südstadt interessiert?
Das hat individuelle Gründe.

Könnten wir auf jede einzeln eingehen? Wie steht's mit Stefanie Rath?
Sie kommt aus Vorarlberg; für sie war die Distanz zu groß, wie mir VTV-Kadercoach Ajit Alexander erklärt hat. Sie trainiert nun in Deutschland, von wo sie mit dem Zug zwei Stunden nach Hause fährt.

Nikola Hofmanova Â…
Um Hofmanova gibt es ein Sponsoren-Projekt. Ihr Umfeld war nicht daran interessiert, Änderungen im bestehenden Training vorzunehmen. Mir kommt es so vor, als ob sie wie eine Melkkuh betrachtet wird. Wir werden sehen, ob sie auch einmal Milch gibt.

Wo liegt das Problem bei Melanie Klaffner?
Sie ist jetzt im BORG-System in Oberösterreich untergebracht. Ihre Mutter meinte, dass sie noch nicht alt und selbstständig genug sei, um in die Südstadt zu gehen – so weit weg von zuhause.

Tamira Paszek – warum trainiert sie nicht in der Südstadt?
Wir hätten sie natürlich gerne hier gehabt. Tamira und ihr Vater, der sie coacht, das Training und die Turnierreisen organisiert, gehen ihren eigenen Weg. Sie sind finanziell unabhängig, also völlig autonom und haben Erfolg.

Was kann Tamira erreichen?
Ihre letzten Erfolge sprechen für sie. Es sieht aus, als ob sie die nächste große Hoffnung im österreichischen Tennis wäre.

Stört es Sie, dass der ÖTV nicht an der Entwicklung dieser Spielerinnen beteiligt ist?
Mir ist egal, woher die Spitzenspieler kommen. Viele Wege führen nach Rom, aber die Richtlinie des Verbandes ist klar – wir finanzieren nur den Weg über die Südstadt. Mehr erlaubt unser Budget nicht. Aber natürlich unterstützen wir auch die Spieler, die es ohne den Verband versuchen.

Inwiefern?
Die Nennung bei ITF-Turnieren erfolgt über den ÖTV. Wir haben noch niemandem einen Turnierstart untersagt. Auch wenn wir Wildcards zur Verfügung haben, werden nicht nur Kaderspieler berücksichtigt – in Kitzbühel bekam Johannes Ager zum Beispiel eine. Es wird viel getan, aber meist im Hintergrund.

Aber manchmal wird den Spielern das Leben schon schwer gemacht - siehe Beispiel Klotz und Khanna. Der ÖTV hat dem TTV verboten, die beiden weiter zu fördern, weil sie nicht in die Südstadt wollten.
Wir haben eine Übereinkunft mit den Landesverbänden, dass wir die Besten spätestens mit 17 in die Südstadt holen. Man kann den Spielern in den Ländern in diesem Alter nicht mehr helfen.

Aber der TTV hat sich darüber hinweg gesetzt und fördert weiter. Hat das Konsequenzen?
Natürlich nicht. Die Landesverbände sind autonom und können im Endeffekt ihre Förderungen aufteilen, wie sie wollen. Ich denke, dass dort aber nicht genügend Geld vorhanden ist, um professionell zu arbeiten und diese Spieler an die Spitze zu führen.

Der ÖTV könnte das?
Sagen Sie mir – wie viele Tennisprofis haben es aus dem Landesverband an die Weltspitze geschafft?

Interview: Peter Robic




zurück zur Übersicht